Tatort-Kritik : Surreale Zirkusvorstellung

Kommissar Murot ist seinen Gehirntumor los: Das hält ihn jedoch nicht davon ab, eine schräge Vorstellung zu geben. Ein klassischer Tatort gelingt damit nicht, aber eine witzige Geschichte, die vor atmosphärischen Momenten nur so strotzt.

Oliver Dietrich

Ein Aufschrei wird zu hören sein: Ist das überhaupt ein Tatort? Oder hat sich Ermittler Murot schon zu weit entfernt? Eins ist klar: Wer normale Ermittlerarbeit sehen will, der kann sich diesen Tatort sparen. Nicht ein Beamter in Uniform taucht auf, die klassische Struktur – Leiche, Polizei, Motivsuche, Mörder – wird hier ad absurdum geführt. Mit der Ruhrpott-Romantik des klassischen Schimanski hat dieser Film nämlich rein gar nichts mehr zu tun. Das mag als Warnung gelten, gleichzeitig ist es aber auch ein Pluspunkt: Wenn man neue, experimentelle Wege beschreiten will, dann kann man das in diesem Fall hervorragend tun.

Schon die Anfangsszene strotzt vor Humor: Der Tatort beginnt – und Murot (Ulrich Tukur) schaltet den Fernseher aus. Diese verblüffende Selbstironie – die natürlich zum Ende wieder aufgenommen wird – kann schon als Maßstab für dieses kleine Kunstwerk gelten. „Schwindelfrei“ (Buch und Regie dieses doppeldeutigen Titels: Justus von Dohnányi) nimmt die Krankheitsgeschichte des Ermittlers – wir erinnern uns: Murot ist ein Anagramm von Tumor, den der LKA-Kommissar im Kopf spazieren trägt – auf und nimmt ihm den Tumor gleich wieder ab: „Wächter“, ruft er seine Kollegin an, „Ich bin als geheilt entlassen.“ Das muss gefeiert werden: Kurz entschlossen lädt er Magda Wächter (Barbara Philipp) nach Fulda ins Grand Hotel ein, abends gibt es eine Zirkusvorstellung. Nein, keine wilden Tiere: Das Varieté-Theater „Raxon“ macht Station in Fulda, Messerwerfer, Clownerie, Musik – und Murot wird gleich als Opfer in die Manege gezerrt und vorgeführt, bevor er singen muss. Ganz störungsfrei läuft das aber nicht: Eine Frau springt auf und ist völlig außer sich: „Das ist er! Haltet ihn auf! Das ist Pascha!“ Kurz darauf gibt es einen Stromausfall und sie verschwindet.

Murot, der nach der Vorstellung zu einem feuchtfröhlichen Umtrunk mit dem Ensemble eingeladen wird, lässt dieser Vorfall keine Ruhe. Und jetzt wird es verrückt: Er heuert als Pianist kurzerhand im Zirkus an, als Ersatz für Charly (Leonard Carow), der sich die während des Stromausfalls die Hand gebrochen hat – und auch irgendetwas gesehen hat. Zirkusleiter Raxon (Josef Ostendorf) ist nicht wirklich davon begeistert, sein Ensemble umzustrukturieren, lässt es jedoch zu. Und da ist Murot wieder Ermittler: Die Verschwundene stammt aus dem Kosovo, und eine Spur führt auch in das Ensemble. Und einer von ihnen ist der Mörder.  

Der Plot ist in diesem Tatort weniger wichtig, das fällt aber nicht ins Gewicht, weil der Film auf eine andere Art zu punkten weiß: durch seine Surrealität, überzeichnete Charaktere und atmosphärische Bilder. Entstanden ist dabei eine schräge Erzählung, die teilweise an alte Helge-Schneider-Filme erinnert. Das muss man mögen, aber es funktioniert. Und es ist verdammt schön anzusehen: Zusammen mit der Musik erzeugt der Film ein Sogwirkung, die ihn zu ganz großem Kino macht. Und vielleicht hätte dieser Tatort auch einfach besser in ein Kino gepasst als in eine Krimireihe.