Tatort-Kritik : Seltsamer Fall. Seltsame Frauen

Der Tatort "Borowski und das Meer" (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) verebbt zwischen leidenschaftsloser Handlung und populärwissenschaftlichem Anspruch.

Oliver Dietrich
"Immer schön die Handbremse anziehen!" Frank Schätzing weist Borowski ins U-Boot-fahren ein.
"Immer schön die Handbremse anziehen!" Frank Schätzing weist Borowski ins U-Boot-fahren ein.Foto: NDR

Gluck, gluck - es wird nass. Die Öffentlich-Rechtlichen besinnen sich auf ihren Bildungsauftrag und präsentiert uns einen Tatort, der sich im Zwiespalt zwischen Wissenschaft und Kommerz anzusiedeln versucht. Wie nennen wir so etwas noch mal? Ah ja, einen Öko-Krimi! Mit erhobenem Zeigefinger schickt uns der Norddeutsche Rundfunk in die Tiefe des Meeres - und vor allem in die Ostsee.

Jens Adam (Andreas Patton) hat Angst. Er ist gerade aus Wellington in Neuseeland zurück, wo er für die Firma Marex, die auf Schürfrechte, sprich: die Ausbeutung seltener Erden spezialisiert ist, erforschen sollte, wie man die Ressourcen am dortigen Meeresgrund gewinnbringend bergen und verkaufen kann. Marex ist eine fiese Krake von Unternehmen, welche gut daran verdient, dass diese Rohstoffe dringend für die Handy-Produktion benötigt werden. Aber so richtig toll scheint Adam das nicht mehr zu finden.

"Ich kann nicht mehr so weiterleben", konstatiert er, während er sich seinen Bart abrasiert. Ein Sinneswandel vom Kapitalisten zum Umweltschützer steht bevor, das merkt man sofort. Aber auch Umweltschützer leben gefährlich: In Wellinton wurde einer ermordet, der sich gegen den Raubbau in tektonisch sensiblen Gebieten gestemmt hat. Für Adam - und auch den Zuschauer - ist schnell klar: Da steckt doch Marex dahinter!

Doch bevor er diese brisanten News herausposaunen kann, muss Adam erst einmal auf die Betreibsfeier auf einem Schiff, das in der Kieler Bucht vor sich hin dümpelt - Corporate Identity soll hier gefeiert werden, schließlich steht die Firma kurz vor einem Durchbruch. Adam scheint schon nicht mehr mitspielen zu wollen, wie ein Roboter schleicht er über das Schiff - und wird ganz spektakulär von einem Scharfschützen von Bord geschossen und verschwindet im Meer. Die Firmenleitung in Gestalt von Sylvana Wegener (Karoline Eichhorn) gibt sich mäßig schockiert, schließlich hat sie genug Dreck am Stecken. Wer hier die Bösen sind, wird schnell klar.

Viel zu ermitteln für Borowski (Axel Milberg), der gewohnt melancholisch durch den Plot schleicht. Ihm hat es Adams Frau Marte (Nicolette Krebitz) angetan: "Pardon. Sie haben mich an jemanden erinnert. Verrückt!", sagt er. Ach ja, da haben wir wieder unseren leidenden Borowski mit der Schwäche für schöne Frauen! "Seltsamer Fall. Seltsame Frauen", seufzt Borowski. Daraus hätte man ruhig etwas machen können, aber das Drehteam (Buch: Christian Jeltsch, Regie: Sabine Derflinger) entscheidet sich dann doch lieber für einen moralisierenden Umweltschutz-Lehrfilm. Da bleibt nur wenig Platz zum Herummenscheln, wie im Dialog zwischen Sarah Brandt (Sibel Kekili) und der verdächtigen Wissenschaftlerin Dr. Amali Saunders (Florence Kasumba): "Der Mann da, ich arbeite mit ihm zusammen", sagt Brandt und weist auf Borowski. "Würden Sie auch um ihn weinen?", fragt Sauners sie. "Ja, ich würde um meinen Kollegen weinen", entgegenet Brandt. "Rotz und Wasser." Sie mögen sich! Wie süß.

Mehr Zwischenmenschlichkeit sucht man jedoch vergebens. In kühler Leidenschaftslosigkeit arbeitet der Tatort ein populärwissenschaftliches Thema auf und zieht dabei auch den Trumpf aus dem Ärmel, der den Zuschauern die Idealkombination von Wissenschaftlichkeit und Unterhaltung aufs Auge drückt: einen Gastauftritt von Frank Schätzing, der als Bestseller-Autor von "Der Schwarm" für ozeanologische Krimis prädestiniert erscheint. "Kenn ich Sie?", fragt ihn Borowski. "Nur wenn Sie gute Krimis mögen", entgegnet Schätzing. Ein kleiner Versuch der Selbstironie, der uns gerade mal ein schiefes Grinsen hervorlockt. 

Aber es ist, wie es ist: Die Handlung verebbt recht schnell in plakativem Plätschern. Die reiche Diva Wegener schickt ihren schmierig-zwielichtigen Gehilfen in Gestapo-Optik Pollack (Aleksandar Tesla) los, um alles und jeden zu beseitigen, während Borowski in ein U-Boot klettert und den Meeresgrund der Ostsee absucht. So richtig Spannung kommt dabei jedenfalls nicht auf, zumal man dank stereotyper Figurenzeichnung von Anfang an weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind. Aber vielleicht denken wir das nächste Mal an den geheimnisvollen Ozean, wen wir unser aus seltenen Erden zusammengebautes Handy benutzen.

Oliver Dietrich schwört, die Rätsel der Weltmeere in seiner Badewanne gelöst zu haben. Mit Frank Schätzing als Quietscheentchen!