Tatort-Kritik : Nur kein Tatort!

Ulrich Tukur spielt Ulrich Tukur, der Kommissar Murot spielt und unter Mordverdacht gerät - der Tatort "Wer bin ich?" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist ein Meisterwerk auf der Metaebene

Oliver Dietrich

Es gibt gute Tatort-Folgen, ausgesprochen schlechte, es gibt viele mittelmäßige und ab und zu ragt auch mal ein Tatort aus der grauen Masse heraus. So wie dieser: Was Regisseur und Drehbuchautor Bastian Günther mit dem Tatort "Wer bin ich?" auf die Mattscheibe bringt, ist nicht zu Unrecht mit reichlich Vorschusslorbeeren überhäuft worden. Der Film hält einfach allen Kritiken stand - lediglich ein Parameter dafür dürfte nicht standhalten: Es ist nämlich gar kein Tatort. 

Günther arbeitet nicht zum ersten Mal mit Ulrich Tukur zusammen, bereits in "Houston" lotete er gemeinsam mit dem Schauspieler eine gute Geschichte aus, die in einem wahnsinnig gelungenen Film gipfelte. Aber wo Tukur draufsteht, ist auch Kunst drin: Der Wiesbadener Tatort gilt als Garant für die Arthouse-Sparte der Krimi-Unterhaltung, auch wenn das nicht immer gelungen ist. Der Mut zum Experiment macht das Knirschen wieder wett, den Aufschrei, der dem verwöhnten Krimi-Publikum regelmäßig entfährt, wenn die Detektivarbeit nicht nach dem Kölner Strickmuster erfolgt: Leiche, Ermittlung, Fall gelöst. Nein, hier darf es gern theatralisch zur Sache gehen Und dass das funktioniert, sah man ja im ebenso genialen Truffaut-Tarantino-Tatort "Im Schmerz geboren", der im Oktober vergangenen Jahres den Tatort aufmischte. 

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Dieses Mal geht es jedoch auf die Metaebene, und das hat sich noch niemals jemand vorher gewagt. Nur die ersten Minuten sind Teil des Verwirrspieles, das den Schreck umso tiefer sitzen lässt, sobald die Kamera das Drehteam erfasst und die gewohnte Illusion hart zerplatzen lässt. Kein Kommissar, kein Fall, kein Mordopfer: Ulrich Tukur spielt einfach nur sich selbst, den Tukur, der den Kommissar Murot in Wiesbaden spielt - und jetzt selbst unter Mordverdacht gerät. Der Christoph von der Aufnahmeleitung ist tot, nach dem Bergfest, dem Besäufnis zur Hälfte der Dreharbeiten, ist er noch mit Tukur versackt, am nächsten Tag wurde er tot in seinem Wagen entdeckt. Tukur (also Tukur) kann sich nur an nichts erinnern, und das macht ihn bei den ermittelnden Beamten Kern und Kugler (großartig: Yorck Dippe und Sascha Nathan) nur noch verdächtiger. Seine Vollrausch-Amnesie lässt Tukur verzweifeln - und dann sind ja noch Wolfram Koch (Wolfram Koch) und Martin Wuttke (Martin Wuttke) am Dreh, die ihm - anstatt ihm zu helfen - nur noch tiefer in die Bredouille bringen. 

"Geiler PR-Gag!", lacht der Redakteur vom Hessischen Rundfunk, Jens Hochstätt (Michael Rotschopf), hysterisch auf - und das trifft es: Showbusiness bei den Öffentlich-Rechtlichen? Ganz genau so. Dass sich das ganze Team dabei auf der Metaebene nach Herzenslust austoben kann, sorgt nicht nur für eine humoristische Kumulation, bei der jeder Münsteraner Tatort wie ein Kaffeekränzchen wirken würde, sondern für einen Seitenhieb nach dem anderen auf diese ganze Tatort-Mischpoke, die sich wie immer viel zu wichtig nimmt. Broich, Koch, Wuttke - beeindruckend, was herauskommt, wenn man diese Schauspieler von der Leine lässt. Herrlich, wie Schizophrenie zelebriert werden kann. 

Ja, es ist verdammt noch mal ein Meisterwerk, das hier herausgekommen ist, nichts weniger. Wer sich das nicht eingesteht, der hat weiterhin solche Tatorte wie gestern Abend aus Köln verdient. Und das kann ja wohl nicht gewollt sein. Chapeau für diesen geilen Film, der nach 40 Jahren Tatort einfach mal notwendig war. 

Oliver Dietrich zieht seinen Hut: Nach diesem Film kann der Stumpfsinn-Tatort um Tschiller&Co. einfach mal einpacken. Hell yeah!