Tatort-Kritik : Nummernrevue mit Flinte

Keine große Erzählung, sondern eher ein Varieté bunter Gestalten und Geschichten: Der neue Münchner Tatort quillt über von Ideen, tingelt aber etwas ziellos auf sein Ende zu.

Ariane Lemme
Jedes Wochenende exklusiv auf pnn.de: Die Tatort-Kritik.
Jedes Wochenende exklusiv auf pnn.de: Die Tatort-Kritik.Foto: dpa

München ist ein Zirkus. Nichts ist hier, wie es auf den erste Blick scheint. Kleine Kinder flitzen im Sensenmannkostüm durch die Dämmerung.  Lautstarke Liebespaare sind keine. Und ein Kommissar, der in einer Kneipe im Stadtteil Westend aufkreuzt, in der ein paar Bauunternehmer eine nette kleine Drogenparty schmeißen, ist auch gar nicht von der Drogenfahndung. Nur ein paar Meter weiter wird eine fast mumifizierte Leiche ausgebaggert - „Aus der Tiefe der Zeit“, wie der Titel des neuen Münchner Tatorts schon behauptet. „Die Leichen vermodern heutzutage viel langsamer“, lernt der Zuschauer gleich am Anfang. Wegen der ganzen Antibiotika, die wir im Laufe unseres Lebens so in uns hineinfressen. 

Trotz seines gut erhaltenen Zustands rätseln die beiden Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) erst mal, um wen es sich handeln könnte – bis sie auf eine Vermisstenanzeige stoßen. Die führt sie ins Münchner Klischeeviertel Pullach (Villen, üppige Gärten, Isar). Dort hockt die frühere Zirkusprinzessin „Calamity Jane“ alias Magda Holzer, heute hochbetagt, aber immer noch schusssicher, auf ihrem Anwesen. Sie hat Tito schon die Zigarette aus dem Mund geschossen, bei einem Gastspiel des „Circus Krone“ in Ex-Jugoslawien. Und fuchtelt auch heute noch gerne zu Countrymusik mit der Flinte im Garten.

Sie ist einigermaßen außer sich, schließlich vermisst sie ihren Sohn Florian. Klar, der lag schließlich die letzten Monate in der Baugrube. Noch da sind allerdings die tragisch-schöne Liz (Meret Becker) und Magdas Sohn Peter. Der leitet die Baufirma „Event-Circus", redet von sich selbst gern in der dritten Person und wird von der eigenen Mutter beschuldigt, den Tod seines Bruders verantwortet zu haben. Batic stößt dazu, als sie androht, ihn "zu richten". Holzer wirkt auch auf ihn schnell verdächtig. Immerhin haben er und sein verstorbener Bruder sich mit Liz dieselbe Frau geteilt. So etwas muss ja schließlich zu Hass und Eifersucht führen. Oder?

Quatsch. So kleinbürgerlich waren die beiden Großkopferten nicht. Wegen einer Frau streiten - da hatten die beiden Brüder Besseres zu tun.

So einfach macht es sich jemand wie Regisseur Dominik Graf auch nicht. In diesem Zirkus spielen noch ein paar mehr Clowns und Artisten mit. Die Bürgerinitiative Westend zum Beispiel, weniger nörgelige Wutbürger als ein paar sympathische Typen, die Angst haben, sich ihre Wohnung bald nicht mehr leisten zu können. Klar, München gilt vielen als komplett durchgentrifiziert, als Stadt ohne Nischen und Macken, in der sich jeder die teuren Wohnungen leisten kann. Ist natürlich schon wieder Quatsch. Auch hier leiden Menschen unter den hohen Mieten, nicht nur im Zuwanderer-Viertel Westend. Doch dort findet Leitmayr diesmal Zuflucht, als seine Wohnung einen Wasserschaden hat.

Und lernt von seiner schönen neuen Nachbarin einiges über die Sauereien im Müncher Rathaus: Dort wird mal wieder die immer gleiche Vorstellung der Kommunalpolitik gegeben. Immobilien wurden unter Wert verkauft, ein paar Wenige haben davon profitiert, die Bürger ziehen den Kürzeren. In die Geschäfte ist – natürlich – Peter Holzer verstrickt, er hat die Provisionen kassiert.

Und als ob das als Pool von Motiven und sozialen Milieus noch nicht genügen würde, macht Graf einfach noch ein Fass auf. In Magdas Haus hängt eine Flagge der Ustascha, kroatischer Faschisten. Ein Geschenk ihres Angestellten Ante – und eine Gelegenheit für Batic, endlich mal wieder Kroatisch zu sprechen – und sei es nur mit ein paar nationalistischen Landsleuten.

Spätestens jetzt wird die Lage unübersichtlich. Während die Kamera von Alexander Fischerkoesen in einer Art übermüdeten Taumel nur schlaglichtartig auf die einzelnen Dramen blickt, fallen die Protagonisten wie die Fliegen. Vier Tote zählt der Tatort am Ende, das wäre sonst nur für Nick Tschiller  (Til Schweiger) - den Hamburger Kollegen von Batic und Leitmayr - ein anständiger Schnitt. Dazwischen wird viel geraucht und gevögelt, ab und zu rast auch mal ein Auto in ein Schaufenster. Aber da können die großartigen Schauspieler, allen voran Meret Becker, noch so leidenschaftlich schreien, wispern, schießen und leiden - die Story tingelt ein wenig ziellos auf ihr Ende zu.

Ariane Lemme gefällt, dass gerade im bayerischen Tatort jedem Gesundheitswahn zum Trotz gequalmt wird, was das Zeug hält.