Tatort-Kritik : Messis und Exorzisten

Bayern goes Brandenburg: Wir sehen im Münchner Tatort "Allmächtig" (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) schöne Landschaften, aber eine wirre Story. Und was die Stasi für Brandenburg ist, ist der Katholizismus anscheinend für Bayern.

Oliver Dietrich
Im Auftrag des Heiligen Geistes: Pfarrer Fruhmann hat aber auch ein Geheimnis.
Im Auftrag des Heiligen Geistes: Pfarrer Fruhmann hat aber auch ein Geheimnis.Foto: BR

Bayern, ach was bist du schön: Ein Ford Mustang brettert durch die bayrische Berglandschaft, am Steuer ein nervöser, schwer blutender Mann. In dieser Landschaft! Am Straßenrand bringt sich eine Schlange in Sicherheit, immerhin das biblischste aller Geschöpfe. Ein Hinweis? Unbedingt: Hier trifft nämlich das katholische bayrische Outback auf das Böse.

„Bei Hitze steigt die Zahl der Gewalttaten. Das ist kein Quatsch“, belehrt Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) seinen Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) am Anfang des Filmes. Quatsch ist allerdings dieser Tatort, auch wenn die Idee recht gut ist.  Albert A. Anast (Alexander Schubert - und tatsächlich ein Anagramm für Satan!) ist das Gesicht seiner Firma AAA, ein Entertainer, wie er sich selbst bezeichnet. Edler Zwirn, Sportwagen, Studio – drei Jahre wurde am Konzept gearbeitet, jetzt wird im Internet angefangen, bald soll ein Fernsehsender einsteigen. Das Geschäft ist knallhart, anscheinend so hart, dass auf die Finanzierung des kostenintensiven Lebensstils gar nicht erst eingegangen wird. Das ist allerdings nicht die einzige Stelle, an der es schleift.

Die Aufgabe von Anast als Entertainer ist jedoch, Menschen vorzuführen. Diese Idee ist vom Ansatz her wirklich gut, scheitert aber an der dilettantischen Umsetzung (Regie: Jochen Alexander Freydank) . Diesen Murks soll sich ein Fernsehsender antun? Ein gestelzter Typ mit Mikrofon verfolgt einen Nazi-Aussteiger und hält ihm das Mikrofon unter die Nase, während er mit Führer-Akzent auf ihn einbrabbelt. An anderer Stelle dringt er in die Wohnung einer Finanzbeamtin ein, die zwar zuverlässig auf Arbeit erscheint, deren Wohnung aber vermüllt. „Messi-Marie“, 170 000 Klicks soll das Video bekommen haben. Nicht viel, wenn man den ausschweifenden Lebensstil berücksichtigt, der ja auch finanziert werden möchte.

Während Anast also verschwunden ist, wird sein Opfer Maria Kohlbeck erstochen in seiner vermüllten Wohnung aufgefunden, drei Tage liegt Kohlbeck laut KTU schon dort, Maden sind in ihrem Fleisch, was auch in Close-ups präsentiert wird, sie ist von Ratten angenagt, das Blut ist allerdings noch saftig frisch und tiefrot (Warum erklärt denn niemand mal der Requisite, dass Blut oxidiert und braun wird?). Klar, der Mörder kann ja nur Anast gewesen sein, immerhin der Leibhaftige für Pfarrer Fruhmann (Ernst Stötzner) und dessen Priesteranwärter Rufus (Albrecht Abraham Schuch). Das Leben von ihr wurde durch den unfreiwilligen Auftritt in Anasts Vorführshow sowieso schon ruiniert, der Job war weg, auch ihr Ehemann (Wiedersehen mit dem geschassten Saarland-Kommissar Stefan Deininger alias Gregor Weber) musste sein gut laufendes Restaurant gegen eine Imbissstube tauschen. „So wird eine reine Seele, die nur Gutes will, durch das Böse zu Fall gebracht“, priestert Fruhmann. Dabei ist der Pfaffe selbst ein Opfer von Anast, wie sich später herausstellen wird.

Im Prinzip hatte also jeder ein Motiv, Anast zur Hölle zu jagen. „Bei der Motivlage kommt ja halb München infrage“ lautet auch bald das Fazit der Kommissare. Die müssen nun noch rausbekommen, wer den Teufel beseitigt hat: Dabei führt die Spur immer wieder nach Obertaufkirchen in die Pfarrei. Aber so ist das halt mit den Vorurteilen: Brandenburg ist immer Stasi, und Bayern eben erzkatholisch.

So quält sich der Tatort eben durch eine unglaubwürdige Geschichte (Buch: Gerlinde Wolf, Harald Göckeritz und Edward Berger), in der es dafür schöne Landschaften zu sehen gibt – und zwei patriotische Turteltäubchen als Ermittler: „Könntest du dir vorstellen, jemals hier wegzugehen?“, fragt Leitmayr mit Blick auf das Bergpanorama, in das sich die Herren Kommissare natürlich auf Kosten des Steuerzahlers mit dem Helikopter haben einfliegen lassen. „Nicht ohne dich“, entgegnet Batic. Ach, wie süß!, möchte man seufzen. Schade nur, dass sie das in einer derartig misslungenen Story sagen müssen.

 Oliver Dietrich staunt immer wieder über die Vielfalt lustiger Videos bei Youtube&Co., so ein Schmarrn wäre ihm aber keinen einzigen "Like" wert.