Tatort-Kritik : Lethargische Blitzmerker

Die Idee eines geplanten Amoklaufs an einer Schule würde einiges hergeben – der Tatort „Freunde bis in den Tod“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) scheitert aber an der Mutlosigkeit der Umsetzung und an zwei schlafwandelnden Ermittlern. Verschenkt!

Oliver Dietrich
Hää?? Odenthal und Kopper blicken nicht durch.
Hää?? Odenthal und Kopper blicken nicht durch.Foto: SWR/Alexander Kluge

Ludwigshafen, deine Abiturienten: Erst rasen sie in einem hektischen Anfang durch die Nacht, bunte wechselnde Bilder, töten sich fast noch selbst, reden übers Ficken und nehmen sich dabei mit dem Handy auf – genauso stellt sich der den Anschluss an die Jugend verlorene Erwachsene wohl die Welt der Teenager vor. Kurz darauf liegt der 19-jährige Ron erschossen an einem Waldweg. „Wir waren froh, wenn er sich nicht hinter dem Computer verschanzte“, kommentiert seine Mutter (Nina Kronjäger) den Tod ihres Sohnes. Schnell ist herausgefunden, dass das Opfer vorher gedroht hatte, Nacktaufnahmen von Mitschülerin Julia (Leonie Benesch) ins Netz zu stellen; klar, ein klassisches Druckmittel. Dass jedoch Julia selbst eine ganze Menge zu verbergen hat, ist von Anfang an klar: Übernervös zittert sie sich durch den ganzen Film.

Im Prinzip nimmt man die Schlagworte, die immer nach einem Amoklauf geäußert werden – Einzelgänger, Ballerspiele – und strickt daraus einfach einen Plot. Mehr ist den Machern des Tatorts „Freunde bis in den Tod“ (Regie: Nicolai Rohde)  jedoch nicht eingefallen. Die Ratlosigkeit der Betroffenen dominiert den Film derart, dass es manchmal nicht zu fassen ist. „Perfide“ oder „befremdlich“ sind die einzigen Vokabeln, die Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) über die Lippen kommen, während sie fragend in die Gegend guckt. Und Mario Kopper (Andreas Hoppe) ist auch keine Hilfe: Anstatt sich mal einen Kopf zu machen, wofür er ja bezahlt wird, daddelt er wie ein Besessener mit dem Handy des Mordopfers – nur um nach tagelanger Zockerei festzustellen, dass er die ganze Zeit in einem einfach gestrickten Spiel durch ein Schulgebäude rennt und Monster killt. Bravo, Kopper!

Noch besser ist allerdings Odenthal: Nachdem sie sich nach Ewigkeiten mal bequemt hat, auch einen Blick aufs Display des Killerspiel-Handys zu werfen, äußert sie einen bedeutungsvollen Satz, den ihr nur ein Computerexperte in den Mund gelegt haben kann: „Das Ziel ist es, den Gegner zu zerstören, richtig?“ Nein! Wirklich? Kaum zu fassen. „Kopper, stimmt das?“, legt sie noch nach. Wer das Drehbuch für diese beiden Blitzmerker geschrieben hat (wir wissen es natürlich: Harald Göckeritz), verdient Nachsitzen in Sachen Spannungsaufbau. Nachts in der Schule bei schauriger Musik kommen die beiden dann dem Rätsel auf die Spur, das jeder halbwegs mitdenkende Zuschauer längst schon erraten hat. Und es geht noch schlimmer: Den beiden ermittelnden Dunkelziffern steht auch noch die inkompetenteste Sekretärin der Tatort-Geschichte zur Seite: Frau Keller (Annalena Schmidt) gackert überfordert durchs Kommissariat oder platzt in Verhöre – hat denn die TV-Kripo wirklich so ein Bauerntölpel als Opfer nötig?

Natürlich ist es richtig und wichtig, auch das Thema Amoklauf aufzugreifen, der Tatort scheitert aber am Mangel von Entschlossenheit und neuen, erfrischenden Ideen. Der Verdacht fällt auf den cholerischen Lehrer Haller (Anian Zollner), den Ron heimlich am Glücksspielautomaten gefilmt hat und mit dem er heftig im Clinch lag, aber einen Lehrer, der seine Schüler erschießt, traut man diesem dahinplätschernden Plot doch nicht zu. Bleibt also nur der einzige Freund des Toten, Manu (Joel Basman), der in den Augen der Mitschüler nicht nur ein Loser war, sondern auch sonst nicht alle Latten am Zaun zu haben scheint. Und was ist mit dem Kleinganoven Frank Ösner (Simon Schwarz), der Ron ein Gewehr verkauft haben soll, mit dem das Mordopfer nicht nur selbst geschossen hat, sondern dessen Kugel auch sein Leben beendet hat?

Der Film kommt einfach nicht in Gang: Kopper und Odenthal tappen so konsequent durch das Dunkel, dass man regelrecht froh ist, wenn die beiden überforderten Blitzmerker endlich mal bedeutungsvoll dreinschauend darauf kommen, was man selbst schon lange weiß. Faszinierend bleibt nur, dass man ein so ergiebiges Thema in so schlaftrunkene Lethargie verwandeln kann.

Oliver Dietrich begeistern weder Ballerspiele noch Amokläufe; insgeheim hält er beides jedoch für eine sinnvollere Sonntagabendgestaltung, als sich diesen Tatort anzusehen.