Tatort-Kritik : Krass, Alter

Unser Autor fühlt sich alt angesichts der geballten Grünschnäbeligkeit im neuen Erfurter Tatort. Dabei konsumieren die coolen Kommissare nur Vernunftsdrogen, zu Deutsch auch Energy-Drinks.

Oliver Dietrich

Und Action: Das jüngste Ermittlerteam der Tatort-Serie wird am Sonntag vom MDR ins Rennen geschickt. Und wo? In Erfurt, einer Stadt mit dem Ruf der thüringischen Provinz. Gewählt wird der amerikanische Einstieg: Verfolgungsjagd, mit Auto, zu Fuß und mit ganz viel theatralischer Filmmusik unterlegt. Moment mal, wird hier eine neue Folge von Alarm für Cobra 11 gedreht? Sofa-Kriminalisten wie wir wissen es natürlich schon: Hier wird ein Mörder geschnappt, und das geht nur mit Rennen, Fluchen, Ballern im Treppenhaus und Computerspiel-Akustik. Oh nein, oh Gott, das ist ja schon zu Anfang definitiv zu viel des Guten!  

Hier werden einige abschalten, garantiert. Allerdings lohnt es sich, den Finger vom roten Knopf der Fernbedienung zu lassen: Die Frischzellenkur bekommt dem Tatort ganz gut, besonders wenn man an die MDR-Produktionen der letzten Jahre denkt. Nachdem man mit Schmücke und Co. in Halle regelrecht totgelangweilt wurde, ist es mehr als Zeit, dass die Halbstarken sich den Platz auf der sonntäglichen Mattscheibe zurückerobern. Da kann der MDR ruhig wieder etwas gutmachen. Und Kommissare, die an einem Abgeklärtheitswettbewerb teilnehmen, haben wir schon mehr als genug.

In der Tat sind die beiden neuen Kommissare Henry Funck (Friedrich Mücke, Jahrgang 1981) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme, Jahrgang 1982) so voller Selbstironie, dass das Zuschauen einfach Spaß macht. Wie die beiden Grünschnäbel sich anprollen und alles krass finden, wird vielleicht der älteren Generation aufstoßen, könnte den Erfurtern aber Kultstatus bescheren. Milch im Kühlschrank? Nö, der Kühlschrank im Büro der beiden cool boys besteht nur aus Gehäuse, Licht und Energydrinks in Dosen. Generation Aufputschmittel.

Dass sie am Anfang gleich den Erfurter Jack the Ripper abschießen, ist nur ein Baustein für die eigentliche Story: Roman Darschner (Godehard Giese), ein fieser Psychopath im Franz-Kafka-Shirt, hat zwei junge Frauen vergewaltigt und bestialisch ermordet. Ist ja auch egal, wie die Ermittler auf ihn gekommen sind, wir sind hier in medias res und der Täter wird erst mal zur Strecke gebracht. Während Darschner mit einem sauberen Beinschuss (Finger am Abzug: Kommissar Maik Schaffert) abtransportiert wird, wird an der Gera eine dritte Frauenleiche gefunden. Darschners Nummer drei oder ein Trittbrettfahrer? Immerhin war die Presse voll mit Meldungen nach dem Mörder, die Details waren bekannt.

Die Tote Anna Siebert hat neben ihrem Studium noch in einem Escortservice gearbeitet (klar, einen ähnlichen Fall hatten wir erst in Rostock), leicht verdientes Geld. Dabei war sie dafür bekannt, ihre Mitmenschen auszunutzen: ihren Ex „Steini“ Steinke (Tim Morten Uhlenbrock), ein nervöser Choleriker, ihre Escort-Affäre Prof. Dr. Rolf Petkus (Karl Kranzkowski) oder ihre Wohngemeinschaft mit Lisa (Henriette Confurius) und Michael (Florian Bartholomäi). Da sind auf einmal ganz viele Menschen mit Motiven – und Darschner ist ja auch noch da. Dem gelingt allerdings erst einmal die Flucht aus dem Krankenhaus. Dass er mit seinem Gipsbein entkommt und, nachdem er mit einem Maschinengewehr durch die Erfurter Altstadt geschlendert ist, vor Schafferts Tür steht, verzeihen wir mal ganz großzügig mit dem Anfängerbonus. Aber das nächste mal bitte nicht wieder so einen hanebüchenen Quatsch.

Es geht nämlich noch um etwas anderes. Der Mord im Studentenmilieu führt schnell zu einer neuen Erkenntnis: „Unsere Generation ist die erste, die eine Art Vernunftsdroge konsumiert, um mithalten zu können“, konstatiert Praktikantin Johanna Grewel (Alina Levshin), eine bisher blasse Klugscheißerin mit ganz viel Ausbaupotenzial für zukünftige Ausstrahlungen. Hier wird nämlich Ritalin – im Tatort „Zerkalin“ – konsumiert, um die Leistungen fürs Studium zu bringen. Dass Rauschmittelkonsum sich nicht auf den gesellschaftlichen Rand beschränkt, versteht Drehbuchautor und Regisseur Thomas Bohn mit kleinen Seitenhieben zu unterstreichen: Die Energy-Kommissare raten zum Schnaps bei der Zeugenbefragung, während das Betäubungsmittelgesetz unübersehbar auf dem Schreibtisch steht und im Büro ein großes Ecstasy-Aufklärungsplakat hängt. Gute Drogen, schlechte Drogen.

Sicherlich muss man noch viel an der Ausrichtung feilen, dennoch bleibt trotz zu konstruierter Story ein gutes Gefühl. Die Kommissare sind authentisch und zwingend notwendig – sie haben die Chance einfach verdient. Und der nächste Erfurter Tatort wird noch viel, viel besser. Ganz bestimmt!  

Oliver Dietrich wäre auch gern Tatort-Kommissar an der Seite von Johanna Grewel geworden und macht sich nun Gedanken, ob er nicht schon zu alt für den Job ist.