Tatort-Kritik : Konstanzer Schlaftabletten

Der Konstanzer Tatort hat den Ruf, bieder, hölzern und langweilig zu sein. Der Tatort „Todesspiel“ (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) ist – nun ja - bieder, hölzern und langweilig.

Oliver Dietrich
Schampus trinken, oder ich schieße! Der Hausherr zielt in Konstanz gern auf seine Gäste.
Schampus trinken, oder ich schieße! Der Hausherr zielt in Konstanz gern auf seine Gäste.Foto: SWR/Peter Hollenbach

Huch, wie gewagt für den Bodensee-Tatort, der ja regelmäßig alle Klischees einer durchschnittlichen Sonntagabend-Krimilangeweile bedient: Wir sehen gleich am Anfang ein knutschendes Pärchen beim Liebesspiel. Während der Hausherr oben verkehrt, gibt es unten Schampus: In der Villa des Millionenerben Benjamin Wolters (Michael Pink) wird geprasst, was das Zeug hält. Im schicken Konstanzer Ambiente trifft sich die Generation der Anfangdreißiger, um es sich bei Pizza und Champagner mal richtig gutgehen zu lassen: Hier wird mehr gesoffen als in jeder „Dallas“-Folge. Mit von der Partie sind neben Wolters die „üblichen Verdächtigen". Der zynische Anlageberater Marcus Pracht (Torsten Lieberenz), Wolters Exfreundin Nadine (Alexandra Finder), die von ihrem Schweizer Schönheitschirurgen-Mann, der immer noch fleißig an ihr rumschnippelt, in Konstanz geparkt wird, der ewige Zweite Castingstar Daniel Gabler (Daniel Roesner), der jetzt nur noch auf Eröffnungen von Kaufhallen singt, und die mysteriöse Schöne Alisa Adam (Anna Bederke), nach der Wolters gerade die Finger ausstreckt. Und Alisa blüht noch das Aufnahmeritual in den erlauchten Kreis: eine Partie Russisches Roulette.

Dumm nur, dass der Millionär am nächsten Tag erschossen in seinem Haus liegt, sauber niedergestreckt, Einbruchsspuren gibt es auch keine. Die Putzfrau Frau Mittermeier hat den Toten gefunden – und nutzt die Gunst der Stunde, um sich in Anwesenheit der Spusi und der Ermittler mit Schampus zulaufen zu lassen, es ist ja genug da. Klara Blum (Eva Matthes) steht auch irgendwie rum, viel mehr passiert mit ihr nicht: Sie ist wie gewohnt tiefgefroren. Wo ist eigentlich Perlmann (Sebastian Bezzel)? Ach so, im Skiurlaub. Wäre fast gar nicht aufgefallen.

Nicht im Skiurlaub ist allerdings die nervige Sekretärin Beckchen (Justine Hauer), die man schon längst als Bewährungshelferin in den Kölner Knast hätte abschieben können. Nein, da steht sie lieber im Revier und himmelt Schlagerstar Daniel, den Konstanzer Achim Mentzel, an, anstatt sich nützlich zu machen. Dazu kommt Blums Märchentantenstimme, die besser in ein Hörspiel als zu einer Tatort-Ermittlerin passt. Den Konstanzer Tatort kann nichts mehr retten – höchstens noch ein Solo von Perlmann, der gewohnt unterfordert durch den Plot stakst.

Und Perlmann taucht glücklicherweise wieder auf, ziemlich pleite nach seinem Skiurlaub, und mischt sich als unfreiwilliger verdeckter Ermittler spontan unter das illustre Grüppchen. Dort deckt er dann auf, dass eigentlich jeder von Wolters abhängig war und ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte: Marcus‘ Existenz als gut situierter Anlageberater stand ebenso auf dem Spiel wie Daniels musikalischer Erfolg, wobei Letzterer sich für ein paar Scheinchen von seinem Godfather regelmäßig demütigen ließ, Nadine wütete in ihrer grenzenlosen Eifersucht und mit Alisa war auch irgendwas. Diese Informationen kosten Perlmann ein wenig halbherzigen taktischen Einsatz und 1200 Euro Spesen für ein paar Flaschen Schampus als Einstand. Bravo. Außerdem gibt es da noch den Polizisten Nobbe (Thomas Balou Martin), der als Erster am Einsatzort war und dessen Tochter die Exfreundin von Wolters ist – und nun schwer traumatisiert in der Klapsmühle sitzt. Wenn einem nichts mehr einfällt, bleibt ja immer noch ein Verdächtiger in den eigenen Reihen.

Viele Tatort-Folgen profitieren davon, dass starke Ermittler ein schwaches Drehbuch schauspielerisch retten können. Beim Konstanzer Tatort passiert genau das Gegenteil: Die Geschichte (Buch: Leo P. Ard) um neureiche Kapitalismus-Kids, die vor Langeweile nicht wissen, wo sie den nächsten Kick herkriegen, hätte einiges hergeben können. Stattdessen werden in gewohnter Konstanzer Manier (Regie: Jürgen Bretzinger) moralinsaure Ermittler durch den Film geschickt, die einen vor ätzender Langeweile nur gelähmt auf dem heimischen Sofa zurücklassen. Was bleibt, ist ein Film als äußerst wirksame Schlaftablette.

Oliver Dietrich hält zwar nichts von Champagner und Russisch Roulette, weiß aber, dass diese Freizeitbeschäftigung allemal spannender ist als die aktuelle Tatort-Folge. Ach so, für die Statistiker: Der Bodycount beträgt vier. Viel zu viel.