Tatort-Kritik : It's alright ma, I'm only bleeding

In Hamburg herrscht Kiezkrieg - und beide Seiten, die guten Cops und die bösen Clans, kommen zur Sache. 19 Tote sind bisheriger "Tatort"-Rekord. Die Dialoge in "Kopfgeld" sind es nicht.

Ariane Lemme
Selbstgerechter Rächer: Hamburgs neuer Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger).
Selbstgerechter Rächer: Hamburgs neuer Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger).Foto: NDR/Marion von der Mehden

Bei Nick Tschiller bekommt jeder aufs Maul. Gleich in der ersten Szene von „Kopfgeld“, dem neuen Hamburger Tatort, trifft der Zuschauer eines seiner mutmaßlichen Opfer. Querschnittsgelähmt – und im Knast. Denn wenn Tschiller (Til Schweiger) zuschlägt – oder besser: abdrückt –, dann ist das immer für einen guten Zweck. Er steht schließlich auf der guten Seite. „Wenn wir immer alle Angst haben, dann können die immer weitermachen“, doziert er vor seiner Tochter, als die vorschlägt, er solle sich doch einen weniger gefährlichen Job suchen – kurz nachdem sein Auto in die Luft geflogen ist (ein Racheakt, dirigiert aus dem Knast, klar) kein ganz unreifer Gedanke für eine 16-Jährige (Luna Schweiger).

Allerdings kennt sie ihren Vater da offenbar schlecht – schlechter zumindest als seine jüngste Affäre Hanna Lennertz (Edita Malovcic). „Ja, du bist wütend, du willst Krieg“, haucht die ihm verständnisvoll zu. Kein ganz unpassender Satz für ein Revoluzzer-Liebchen – wohl aber für eine deutsche Staatsanwältin. Aber einer muss ja auf Tschillers Seite sein, schließlich wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.

Und zwar von den „Astans“, ein kurdischer Clan, der vom Drogen- und Menschenhandel lebt. Bingo: Beim großen ARD-Drehbuchreigen (hier: Christoph Darnstäd) sind diese Woche mal wieder diese Banden mit Migrationshintergrund dran – diesmal  Kurden in Hamburg, vor zwei Wochen waren es Araber in Bremen. Immerhin: Ganz so eindimensional, platt und marionettenhaft wie in der anderen Hansestadt hat Regisseur Christian Alvart seiner harten Jungs in Hamburg nicht inszeniert. Das sind eben Gangster, aber solche, die sich im Knast gleichzeitig liebevoll um den querschnittsgelähmten Bruder kümmern. Und Tschiller spricht sich gleich selbst von jedem Rassismus frei: „Es ist mir scheißegal, wo du herkommst – mich interessiert nur, was du machst“, presst er hervor – bevor er zuschlägt.

Neben den Astans und einem rivalisierenden Clan gibt es dann auch noch die Presse, die Tschillers Arbeit torpediert. „Hamburgs umstrittenster Ermittler“, „Bulle gnadenlos“ – so nennen sie ihn – und sind damit quasi mitverantwortlich für den Autobomben-Anschlag auf ihn. „Die wollen Blut sehen“, sagt auch Tschillers Chef. Wie genau das funktionieren soll, bleibt unklar. Oder wann hat man zuletzt den Namen eines Ermittlungsbeamten in der Zeitung gelesen? Und wären die bei der Kripo dann tatsächlich so blöd, den so enttarnten Beamten nicht doppelt- und dreifach zu schützen? Vielleicht sind die Astans aber auch einfach nur gerissener als der Draufgänger-Kommissar Tschiller. Der und sein Kollege sind sich einig: „Wir waren zu geduldig, zu korrekt. Zu deutsch!“ Jetzt ist Schluss mit kuscheln und so kommt "Kopfgeld"auf insgesamt 19 (!) Tote.

So ganz den Durchblick hat Tschiller allerdings bei all dem verloren. Oder wie sonst bringt man es rüber, seiner Tochter zu sagen, es sei alles gut, nachdem in der Disko gerade ein paar Leute über den Haufen geschossen wurden? Na gut, so was passiert eben im Kiezkrieg, und was zählen schon ein paar ausgelöschte Leben, wenn es darum geht, die eigene Tochter vor dem sicheren Crystal-Meth-Konsum zu bewahren. Alle Dealer umzulegen ist da der effektivste Weg.

Mehr Distanz hat da Tschillers Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim): „Schieß ihm doch gleich in Notwehr die Eier weg – oder mach ihn ganz weg“, sagt er zynisch, als Tschiller herausfindet, wer die Staatsanwältin Lennertz überfallen und brutal verprügelt hat. Er ist einer, auf den Tschiller hört – und eigentlich auch eine ganz coole Sau. Und eines muss man dem Hamburg-Tatort lassen: Von der an dieser Stelle schon öfter beklagten Behäbigkeit, dem mangelnden Mut zur großen Story, ist hier wenig zu spüren. Für einen deutschen Krimi gibt es hier geradezu absurd viel Action. Beim nächsten Tatort aus Konstanz werden wir uns daran erinnern.

Ariane Lemme hat sich schon oft über dröge, spannungsbefreite deutschen Krimis beschwert, solche, denen der Mut fehlt, das Böse nachvollziehbar zu machen. Action und Til Schweigers nackter Arsch, findet sie, sind aber auch nicht die Antwort darauf.