Tatort-Kritik : Gescheiterte Beziehungen

Im Wiener Tatort "Wehrlos" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) geht es um Gewalt und Abhängigkeit - harter Tobak, gut inszeniert.

Oliver Dietrich

Die schönsten Ehekrisen haben im Wiener Tatort ja immer noch die beiden Ermittler - auch wenn sie nie miteinander verbandelt waren, anders als etwa weiland die Leipziger Ermittler Saalfeld und Keppler. Wie sich zwischen den beiden die Eifersucht hochschaukelt, ist immer wieder schön anzusehen: Da stolpert die nächste Leiche nachts ausgerechnet in dem Moment in die Ermittlungen, in dem Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sich gerade ein Profil bei einer Dating-Seite anlegt. Als sie auf dem Weg zum Tatort noch Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) abholen will, öffnet ihr eine Frau die Tür - Damenbesuch beim Herrn Kommissar. Da kann man schon mal eingeschnappt sein. Immerhin: Andere haben es in ihren Beziehungen ungleich komplizierter. Und genau darum geht es im Wiener Tatort. 

Worum geht's?

Mitten in der Nacht liegt der Leiter der Wiener Polizeischule erschossen in seinem Haus, offenbar Selbstmord. Ein Stockwerk weiter höher liegt dessen Ehefrau, mit gebrochenem Genick. Was nach einem astreinen Ehedrama aussieht, entwickelt sich jedoch zu einem Fall für die Wiener Mordkommission - denn die Kugel, die in dem Erschossenen steckt, stammt ausgerechnet aus einer Polizeiwaffe - und ist Spezialmunition. Während der Ermittlungen stoßen Eisner und Fellner nicht nur auf ein Erpresservideo, sondern auch auf eine direkte Spur in die Polizeischule - wo der Ausbilder Thomas Nowak (Simon Hatzl) ein eisernes Regiment der Erniedrigungen führt. Als Polizeichef Rauter (Hubert Kramar) Fellner dort einschleust, bekommt sie es direkt mit ihm zu tun: "Der Nowak ist ein frauenfeindliches Arschloch", ächzt sie. Und hat offenbar noch ganz andere Leichen im Keller. 

Worum es wirklich geht

Um §212 des österreichischen Strafgesetzbuches: "Missbrauch von Autoritätsverhältnissen", heißt es da. Und genau da legt der Tatort von Autor Uli Brée den Finger in die Wunde: Denn die Charaktere des Films sind fast ausnahmslos in Abhängigkeiten gefangen, die sie fast ruinieren. Da ist der unglücklich verliebte, leicht trottelige Polizeikollege Fredo (Thomas Stipsits), der von seiner Freundin rausgeworfen wird und jammernd auf Bibis Couch landet. Aber auch die gebeutelten Auszubildenden der Polizeischule, die bereits jeglichen Glauben an den Rechtsstaat verloren haben, den sie später verteidigen sollen. Und es geht um den institutionellen Sexismus, der vor niemandem haltmacht. Das kann stellenweise sehr schmerzhaft sein, wenn man diesem Tatort (Regie: Christopher Schier) glaubt. 

Sollte man den Tatort sehen?

Natürlich sollte man den sehen, und das gilt bekanntlich für jeden Wiener Tatort. Der schöpft von der Charakterzeichnung wieder aus den Vollen: Eisner grantelt sich mies gelaunt durch den Film, während Fellner vor Frust wieder zu saufen anfängt. Dafür liebt man doch die Wiener Ermittler! Und dafür, dass der Spagat zwischen dem feinen Humor und dem todernsten Hintergrund mal wieder hervorragend gelingt.