Tatort-Kritik : Filmriss mit versteckter Kamera

In Münster herrscht absolute Narrenfreiheit. Die Story des neuen Tatorts mit den beiden Spaß-Ermittlern Boerne und Thiel ist diesmal absolut plemplem, unterhält aber trotzdem bestens.

Oliver Dietrich
Diesmal mit chinesischem Besuch: Münsters Ermittler Boerne und Thiel.
Diesmal mit chinesischem Besuch: Münsters Ermittler Boerne und Thiel.Foto: WDR/Willi Weber

Eine tote chinesische Dissidentenprinzessin in Münster, Boerne unter Mordverdacht, ein Ermittlerteam in Hochform und eine der krudesten Storys, die sich je ein Autorenteam getraut hat: Der Münsteraner Tatort „Die chinesische Prinzessin“ ist völlig plemplem, aber so witzig wie selten zuvor. Wir finden Münster geil! Der Tatort aus Münster hat sich mittlerweile in eine Lage katapultiert, von der andere Ermittlerteams nur träumen können: absolute Narrenfreiheit. Das Drehbuch kann der Praktikant in der Mittagspause schreiben, so wenig Anspruch auf Glaubwürdigkeit wird hier durchgesetzt, eigentlich interessiert die Story schon gar nicht mehr – Münster profitiert einfach von den Dialogen eines großartigen Ermittlerteams. Wenn an dieser Stelle jemand erwartet, dass an der völlig kruden Story (Regie: Lars Jessen) herumgemäkelt oder in den Kanon eingestimmt wird, dass das Komödiantische im Tatort nichts zu suchen hat – dann bitte aufhören zu lesen.

Der Tatort fängt so an, wie unzählige bereits zuvor: mit einer Verfolgungsjagd im Wald und einem Toten. Doch diesem Standardanfang folgt eine wirre Story, die jedoch nur Makulatur für ein gut gelaunt aufspielendes Ermittlerteam ist. Ai Weiwei in Münster: Chinesische Dissidenten funktionieren gut, der böse Diktatorenstaat, der seine Künstler unterdrückt. Und so ist auch Professor Boerne (Jan Josef Liefers) auf der Vernissage einer chinesischen Prinzessin, einer Provokationskünstlerin, die er angiert und mit gestelzten Chinesischkenntnissen abzuschleppen versucht. Überhaupt ist es ein Abschlepptatort: Während Boerne die chinesische Prinzessin Songma (Huichi Chiu) einsackt – nein, nicht nach Hause, sondern in die Gerichtsmedizin, ganz klar -, hat Thiel (Axel Prahl) mit deutlich mehr als zwei Promille Kollegin Nadeshda (Friederike Kempter) im Gepäck. Während Thiel Nadeshda den von Boerne geschenkten Edelwein in Maßkrügen serviert, lässt Boerne sich im Leichenkeller von der koksenden Künstlerin einwickeln. Das kann ja nicht gutgehen.

Beste Gelegenheit also, eine Vokabel zu recyceln, die wir letztens erst im Wiener Tatort „Unvergessen“ gelernt haben: Retrograde Amnesie. Die haben nämlich beide Münsteraner Protagonisten: Während Thiel verkatert der Meinung ist, Nadeshda flachgelegt zu haben, erwacht Boerne zugekokst bis zum Scheitel im Krankenhaus: Die schöne Prinzessin liegt mit durchgeschnittener Kehle auf seinem Seziertisch, Boerne kann sich an absolut nichts erinnern – und steht unter Mordverdacht. Sicher, da kann nur der chinesische Geheimdienst dahinterstecken, ist sich auch der Kurator der Ausstellung Jürgen Martin (Tonio Arango) sicher, der ist schließlich überall, auch in Münster. Allerdings sieht Martin jetzt die Chance, das Vermächtnis zu vergolden, indem er ein Politikum daraus strickt. Währenddessen wird der chinesische Kulturattaché mit Diplomatenpass erst mal unsanft von Thiel verhaftet – Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann, charismatisch-rauchend-heiser wie immer) tobt natürlich. Und ist, so wie absolut jeder der Beteiligten, völlig überfordert: „Wir haben ja schon kulturelle Probleme, wenn ein katholischer Priester in den Fall verwickelt ist.“

Irgendwelche gesellschaftlichen Ressentiments gegen Chinesen? Die werden hier alle bedient, verwurstet und pulverisiert. Nach dem chinesischen Geheimdienst schickt Drehbuchautor Orkun Ertener gleich die nächste Gruppe verdächtiger Chinesen ins Rennen. Wen haben wir denn da noch? Ach ja, nehmen wir die Uiguren! Nicht irgendwelche, sondern Uiguren aus Guantánamo, die passen perfekt nach Münster. Reicht noch nicht? Na gut, noch einen draufgesetzt: Wie wäre es mit den Triaden, der chinesischen Mafia? Die sind natürlich auch in Münster und mischen kräftig mit. Geht noch was? Na klar: Fehlt ja noch das LKA, das BKA und der Verfassungsschutz. Sind alle da, keine Angst.

Diese völlig überladene Konstellation wird sogar Thiel irgendwann zu viel, der nur noch hinausruft: „FBI, CDU, GEZ – was ist das hier? Versteckte Kamera?“ Als Zuschauer kann man da nur noch durch einen Lachtränenschleier wahrnehmen, mit wie viel Verve und Selbstironie sich der Münsteraner Tatort ohne Rücksicht auf Verluste selbst auf die Schippe nimmt. Mit noch mehr Frechheit kann man sich eigentlich nicht mehr aus dem Fenster lehnen. Gelungen! 

Chefkoch Oliver Dietrich empfiehlt am Sonntagabend Rotwein aus Biergläsern, dazu irgendetwas, was man mit Stäbchen essen kann, Frühlingsrollen zum Beispiel. Und vergessen Sie um Gottes Willen nicht die Taschentücher, der Lachtränen wegen!