Tatort-Kritik : Er ist ein guter Junge

Der Kölner Tatort "Dicker als Wasser" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist ein Solo für Armin Rohde als tyrannischer Gangsterpapa. Großartig!

Oliver Dietrich

Armin Rohde ist wieder da! Erst im Februar war er mit einem gelungenen Auftritt im Frankfurter Abschiedstatort für Joachim Król als gescheiterter Ex-Cop zu sehen, jetzt legt er als Gangster Patriarch Ralf Trimborn noch einen drauf: Trimborn sitzt am Tisch, zitiert George Best und Churchill, kredenzt sich Wolfsbarsch und ein Glas noblen Wein, neben dem Teller ein Schachbrett. "Das Schlimmste am Knast ist der Fraß", gesteht er Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär). Und "Bulle ist doch ein Scheißjob." Eigentich seien er und Schenk doch aus einem Holz geschnitzt, Bulle und Gangster hin oder her. Und ja, da wird sogar Freddy ein wenig melancholisch. 

Der neue Kölner Fall (Regisseur Kaspar Heidelbach hat zuletzt zwei Folgen des Münsteraner Tatort mit Boerne und Thiel inszeniert) greift wieder das Thema Loyalität auf, gleichzeitig ist er eine Vater-und-Sohn-Geschichte mit einem wohligen Hauch Gangsteratmosphäre. Und er beginnt ganz klassisch: Auf einem Parkplatz neben seinem Jazzclub liegt Oliver Mohren, der junge Mann wurde erwürgt, die Tageseinnahmen sind auch weg. Ganz nach Raubmord sieht der Fall jedoch nicht aus, eher nach Beziehungskiste: Seine Freundin Laura (Alice Dwyer) ist eigentlich noch mit ihrem Exfreund Erik (Ludwig Trepte) verbandelt, eigentlich eher eine Zweckbeziehung: "Olli war ein toller Typ, der konnte jede haben", sagt seine Bekannte Maren (Luana Bellinghausen) über ihn - war Laura nur deshalb mit ihm zusammen? Und wenn sie noch so an Erik hing, warum hat sie Oliver dann nicht verlassen? "Sie kennen seinen Vater nicht", sagt sie kühl. "Der Alte ist ein Tyrann." 

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In Köln ist eben nichts sicher, nicht einmal Vati Freddy: Während der sich nämlich des Nachts mit pädagogischem Eifer und Handschellen um einen Halbstarken "kümmert", der einen Parkautomaten um ein paar Münzen erleichtert, wird ihm jäh die Verdorbenheit der Kölner Jugend bewusst: Zack, schon steht sein beschaffungskrimineller Kumpan hinter ihm und hält ihm ein Messer an den Hals. Pech für Freddy: Die Schmalspurganoven ketten ihn kurzerhand mit seinen eigenen Handschellen an einen Laternenpfahl - es läuft grad nicht so bei ihm, das hat sich ja schon im letzten Tatort angedeutet. "Schon mal darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen?", bellt er Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) daraufhin an. Nein, bloß nicht! 

Erik Trimborn, der schnell in Verdacht gerät, ist jedenfalls keiner dieser verdorbenen Jugendlichen, sondern eine durchaus ehrliche Haut: "Er ist ein guter Junge", wird auch Freddy Schenk feststellen. Wenn nur nicht sein Vater wäre: Armin Rohde wird für die Figur des Ralf Trimborn einfach mal von der Kette gelassen, wie der Gangsterpapi auf Bewährung mit seiner jovialen Bedrohlichkeit aufkreuzt und alle um den Finger wickelt, macht einen Heidenspaß. Dabei hat Trimborn die ein oder andere Leiche im Keller: Was war denn vor 13 Jahren mit seiner Frau, die auf einmal tot in der Badewanne lag? Nachweisen konnte man ihm wie immer nichts, was nicht nur seine Schwiegermutter und den damals leitenden Oberstaatsanwalt auf die Palme bringt. Und er plant schon wieder den nächsten Coup, für den er seinen Sohn Erik, der als guter Junge völlig von dem Alten dominiert wird, dringend braucht. Zum Ermittlungspuzzle kommt für die Kölner Ermittler nun auch noch die "Verhinderung einer schweren Straftat" zu. 

Rohde dominiert den Film so sehr, dass der gut konstruierte Plot (Buch: Norbert Ehry) manchmal im Hintergund zu verschwinden droht - da wurde ihm einfach mal eine Rolle auf den Leib geschrieben. "Manchmal macht man Sachen, die will man gar nicht", reflektiert der narzisstische Kontrollfreak sein böses Treiben. Dabei spielt Rohde den Tyrannen herrlich überzeugend auf zwei Ebenen: einmal als der sympathische Schlauberger, dann wieder als cholerische tickende Zeitbombe. Allein deshalb ist dieser Tatort schon mehr als sehenswert. 

Armin-Rohde-Fan Oliver Dietrich fragt sich, warum dieser nicht in jedem Tatort mitspielen darf - das würde jeden noch so bescheidenen Fall einfach nur aufwerten.