Tatort-Kritik : Endstation Helfersyndrom

Ein kaltes Stuttgart, eine bemerkenswerte minderjährige Verdächtige, ein alleinerziehender Ermittler und ein mitreißender Soundtrack: Wir sehen am Sonntag den besten Stuttgarter Tatort aller Zeiten.

Oliver Dietrich
Hat ihr Umfeld komplett in der Hand: Sarah (Ruby O. Fee).
Hat ihr Umfeld komplett in der Hand: Sarah (Ruby O. Fee).Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Vielleicht werden TV-Kommissare einfach besser, wenn man sie ihres stabilen Familienlebens beraubt: Sebastian Bootz (Felix Klare), bisher eher blasser Spießer, war neben dem Kölner Freddy Schenk der letzte verbliebene Familienvater unter den Tatort-Kommissaren. Wir erinnern uns an den letzten Fall von Thorsten Lannert (Richie Müller) und Bootz, „Spiel auf Zeit“, der zu einer Gangstergroteske geriet und mit dem persönlichen Ehedrama von Bootz endete: An diesem Punkt setzt „Happy Birthday, Sarah“ an. Bootz ist jetzt alleinerziehender Vater im Wochentakt und hat die beiden Blagen für sich – unselbstständige, nervige Gören, vorwurfsvoll, anstrengend, kleine Mimosen. Ganz besonders Sohn Henry, der auch mal Papas Handy mit in die Badewanne nimmt: „Ist doch wasserdicht, oder?“ Na herzlichen Glückwunsch.

Doch diese Konstellation passt ganz gut zum Fall, der in einem Kinder- und Jugendhaus stattfindet. Sozialarbeiter Andreas Haber liegt mit einer Kopfwunde auf dem Frauenklo, das Gesicht im Porzellan – ertrunken. Aber warum hatte der Tote auch noch die Hosen heruntergelassen? „Wer hier Alkohol trinkt, fliegt – und zwar raus“ steht an der Wand des Hauses, aber ausgerechnet Haber hat eine Flasche Wein intus, als er in den Sanitäranlagen sein Leben aushaucht. Der Leiter der Einrichtung Sven Vogel (Tobias Oertel) verkörpert den fürsorgenden Sozialarbeiter mit Herz und Ohr für jeden, und ein Mord in seiner Einrichtung passt ihm natürlich gar nicht, weshalb er alle so schnell wie möglich raushaben will, bevor die Einrichtung in die Negativschlagzeilen gerät. „Wir haben hier einen Mord aufzuklären“, belehrt ihn Lannert. „Sie arbeiten mit den Toten. Ich mit den Lebenden. Was ist wichtiger?“, kontert Vogel. Immerhin ist das Haus, was aus den Mitteln einer Stiftung des verstorbenen Gönners Klaus Schöllhammer finanziert wird, fast pleite, und dessen Sohn (Patrick von Blume) ist ein zockender Kunstliebhaber: „Erbengeneration nennt man das. Wir schmeißen das Geld zum Fenster raus, was unsere Eltern mit Schweiß und Blut erwirtschaftet haben.“

Dreh- und Angelpunkt des Filmes ist Sarah (Ruby O. Fee), aufmüpfig, aber erstaunlich erwachsen – und aus zerrütteten Verhältnissen: „Mein Papa wohnt im Knast und meine Mutter in der Klapse.“ Und Vogels Angst vor Negativschlagzeilen scheint begründet: Es steht der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum, Sarah bezichtigt den Ermordeten. Die Kinder erzählen aber auch viel, und nicht immer die Wahrheit, heißt es resignierend im Haus. Und doch spricht alles dafür, dass Sarah Haber ermordet hat, als ihr dieser zu nah kam: Immerhin sind ihre Fingerabdrücke überall. Im Verhör knickt Sarah schließlich ein und gesteht den Mord.

Fall gelöst? Nicht ganz. Sarah ist zur Überraschung der Ermittler wesentlich jünger als gedacht, kurz vor ihrem 14. Geburtstag ist sie noch nicht strafmündig. „Wir können sie nicht verhaften. Wir dürfen gar nicht. Ob es Notwehr war, ist egal“, konstatiert Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera). Doch ganz so einfach scheint die Lösung doch nicht zu sein.

Und so trifft aufeinander, was nicht zueinander passen will: die potenziell kriminelle und desillusionierte Unterschicht aus dem sozialen Brennpunkt, die an einer chronischen Bullenallergie leidet, und das gute Gewissen der Gesellschaft, die Kümmerer – Sozialarbeiter und Ermittler im Gewand des Freund und Helfers. Der Schnittpunkt ist der vermeintliche Übergriff auf eine Minderjährige: „Was soll ich denn meiner Tochter sagen? Papa ist tot, aber das ist besser so?“, giftet Habers Ehefrau Lannert an. Aber was macht man mit denen, die man nicht erreicht? Sie lasse sich von niemandem erleuchten, sagt Sarahs Schwester Jeannette (Britta Hammelstein), sie wisse schon, wo es hinlaufe: „Fünf Euro die Stunde als Friseuse oder Krankenschwester.“ Das besorgt auch den überforderten Vater Bootz: „Du kommst noch in Teufels Küche“, warnt er. „Da koche ich jeden Tag Kaffee“, giftet Jeannette zurück.

Der Tatort (Buch: Wolfgang Stauch, Regie: Oliver Kienle) geht tief, ohne belehrend zu werden, aber auch ohne Lösungen anbieten zu müssen. Und für diese Intensität sorgt die Protagonistin Sarah, der man die Verzweiflung an der Schwelle zum Erwachsenwerden einfach abnimmt: Ihre Glaubwürdigkeit ist faszinierend. Eine so durchdachte Story hat dem Stuttgarter Tatort einfach gefehlt. Sehr sehenswert!

Oliver Dietrich hat oft genug über die Stuttgarter Ermittler genörgelt. Umso aufrichtiger freut er sich über dieses besondere Highlight aus dem Süden.