Tatort-Kritik : Einer von denen

Einmal wurde der Dortmunder Terror-Tatort "Sturm" (Ostermontag, 20.15 Uhr, ARD) bereits verschoben, und jetzt stand er wieder auf der Kippe. Aber er kommt: Und wir sagen, ob er sich lohnt.

Oliver Dietrich

Eigentlich wäre der Dortmunder Tatort "Sturm" längst ausgestrahlt, diskutiert und hinsichtlich seiner Relevanz geprüft worden - wäre er nicht von der Realität eingeholt worden. Denn der ursprüngliche Sendetermin war der 1. Januar, als erster Tatort des Jahres. Allerdings hielt es die ARD nicht für besonders geschickt, kurz nach dem Berliner Terroranschlag vom Breitscheidplatz einen Terror-Tatort hinterherzuschieben - und kramte stattdessen einen Rostocker Polizeiruf 110 aus der Schublade.  In derselben verschwand danach auch der Dortmunder Tatort - und wäre fast drin geblieben: Denn kurz nach dem Dortmunder potenziellen Terroranschlag einen Dortmunder Terror-Tatort auszustrahlen, ist natürlich gewagt. Aber diesmal knickte die ARD nicht mehr vor dem Zeitgeschehen ein: Der Tatort kommt wie geplant am Ostermontag. Und einen Abend vorher gibt es eine Wiederholung: den Stuttgarter Tatort "Preis des Lebens"

Worum geht's?

In der Dortmunder Innenstadt werden mitten in der Nacht zwei Streifenpolizisten aus kurzer Distanz erschossen. Weil die Kommissare Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt) von chronischer Schlaflosigkeit gequält werden, sind sie mit die Ersten am Tatort - und bemerken, dass in einer kleinen Privatbank noch Licht brennt. Ein Zeuge? Als der nicht reagiert, steigt Faber kurzerhand durchs Fenster ein - und stellt fest, dass er eine Sprengstoffweste trägt. Ein Attentäter in einer Bank? Es stellt sich heraus, dass es sich um den Angestellten Muhammad Hövermann (Felix Vörtler, im wahren Leben als Kriminalrat Uwe Lemp im Magdeburger Polizeiruf 110 zu sehen) handelt. Faber weicht ihm nicht von der Seite, während LKA und SEK draußen Stellung beziehen und darauf wartet, dass "das Arschloch Faber" aus der Schusslinie geht. Attentäter, Bankkonten, tote Polizisten - das ist natürlich erst mal eine steile Handlung.

Worum es wirklich geht

Was passiert, wenn man einen bunten Haufen durcheinanderwürfelt. Den hat man nämlich schon bei den Dortmunder Ermittlern: Noch nie war es so eiskalt wie jetzt, die horizontale Erzählweise führt geradewegs ins Desaster. Faber und Böhnisch haben sich nichts zu sagen, und zwischen Kossick (Stefan Konarske) und Dalay (Aylin Tezel) entsteht nicht mal mehr Blickkontakt. Überhaupt macht Kossick die tragischste Figur des ganzen Filmes: einfach nur versoffen und abgeranzt, eine wandelnde Personifikation der Verzweiflung. Auch nicht besser, dass Erzfeind Faber gleich mal durchsickern lässt, dass Kossick sich um eine Versetzung nach Düsseldorf bemüht hat. Doch das wird nicht das Letzte sein, was Kossick noch ausbaden muss. Und dann die Familie Hövermann: Der Vater aus Liebe zu seiner syrischen Frau zum Islam konvertiert, und jetzt doch nur "einer von denen", die mit Sprengstoff in der Gegend herumsitzen, weil sie sich von Ungläubigen umzingelt wähnen. Dann noch sein nichtsmütziger Sohn Bernie (Christian Ehrich), der den Vater verachtet, und die Tochter, die sich mit dem Konvertiten Pascal Tauber (David Hürten) einließ, der sich jetzt nur noch "Jihad" nennt und seinen weltlichen Trennungsschmerz auf eine islamistische Ebene hievt. Da braucht man ja nur noch auf die Eskalation zu warten.

Sollte man den Tatort sehen?

Wenn man die Nerven hat, den zähen ersten Teil zu überstehen: ja. Denn der Film (Buch: Martin Eigler und Sönke Lars Niewöhner), der direkt an den Vorgänger "Zahltag" anschließt, verlangt dem Zuschauer so einiges ab. Die erste Hälfte hat es schon in sich: Da dröhnt die nervige Alarmanlage der Bank ewig zäh vor sich hin, bis es sogar Faber reicht: "Wer diese Alarmanlage ausschaltet, kriegt nen Kasten Bier von mir!" Und dann braucht es eine weitere halbe Stunde, bis sich die obskuren Erzählstränge langsam ineinanderfügen. Wer bis dahin nicht abgeschaltet hat, wird jedoch mit einigen für die Dortmunder horizontale Erzählstruktur essenziellen Wendepunkten versorgt. Ein Highlight ist "Sturm" (Regie: Richard Huber) dann doch nicht geworden, was irgendwie schade ist. Aber alleine der astreine Cliffhanger am Ende des Films macht ihn schon sehenswert.