Tatort-Kritik : Die Bibi-Fellner-Show

Ein Mord im Wiener Sklavinnen-Milieu, ein ohnmächtiger Staatsapparat, das schäbigste Wien, das jemals gezeigt wurde und ein Moritz Eisner als Sidekick: Der ORF-Tatort „Angezählt“, der diesen Sonntag in der ARD läuft, ist schmerzhaft. Aber äußerst sehenswert.

Oliver Dietrich
Ziemlich sauer: Bibi Fellner legt sich mit Zuhälter Aziz an.
Ziemlich sauer: Bibi Fellner legt sich mit Zuhälter Aziz an.Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg

Wenn Sie auch zu den sonntagabendlichen Tatort-Zuschauern gehören, die gern den Mörder erraten, dann hören Sie an dieser Stelle bitte auf zu lesen. Für alle anderen: Ivo ist der Mörder, ein 12-jähriger Junge. Indem das gleich von Anfang an feststeht, verzichtet der neue ORF-Tatort „Angezählt“ auf das klassische Ratespiel, im Zentrum steht diesmal nicht das „Wer war es?“, sondern das „Warum war es?“.

Nachdem Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) im letzten Wiener Tatort sein Solo als grantiger Ermittler mit Kopfschuss und retrograder Amnesie tanzen durfte, ist dieses Mal Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) dran. Und der Zuschauer sieht ihr gleich zu Anfang dabei zu, wie sie bei einer Psychologin sitzt und ihre Kindheit reflektiert: ein hartes Leben, verstoßen von den Eltern, bei den Großeltern aufgewachsen – ihr fehle die Fähigkeit zu Emotionen: „Für mich ist etwas Extremes etwas Normales“, klagt sie. „Ich brauche wahrscheinlich zehn Leichen, um etwas zu spüren.“ Dieser Eingeständnis an Emotionalitätsmangel ist jedoch nur das Vorspiel; so emotional wie in diesem Tatort haben wir Bibi Fellner jedenfalls noch nie erlebt.

Während sie in der Praxis sitzt, klingelt Fellners Telefon – ein nerviger Klingelton einer zirpenden Grille, der noch öfter im Film auftauchen wird. Die Nummer ist anonym, Fellner drückt den Anrufer weg, ein fataler Fehler: Der Hilferuf aufs Telefon stammt von der bulgarischen Ex-Prostituierten Yulya Bakalova (Milka Kekic), und während Bibi Fellner sich noch über mangelnde Liebe beklagt, wird Bakalova von dem 12-jährigen Ivo mit einer Wasserpistole voll Benzin besprüht, die Zigarette in der Hand tut ihr Übriges. Die Kamera fängt die schweren Verbrennungen in Nahaufnahme ein, unterlegt mit Herzschlag und sakraler Musik.

Die Vergangenheit holt die Kommissarin sofort ein: Fellner kannte Bakalova noch von damals, von der Sitte, „keine Prostituierte, sondern eine Sklavin“. Bakalova war die Hauptzeugin im Prozess gegen den kaltblütigen Zuhälter Ilhan Aziz (Murathan Muslu), der nicht nur zufällig am Ort des Mordes gesehen wurde. Doch als Mörder ist Ivo schnell ermittelt: Der Junge hält Eisner jedoch nur wortlos einen vorgedruckten Zettel hin: „Ich bin Ivo. Ich bin 12 Jahre alt. Im Sinn §74 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen.“ Mehr ist aus ihm nicht herauszuholen. Fellner nimmt sich des Jungen an, und ihre eigene fehlende Mutterliebe führt geradlinig zu einem ausgepflegten Brutpflegereflex. Zuhälter Aziz, der soeben aus dem Knast entlassen wurde, ist natürlich einziger Hauptverdächtiger, es läuft jedoch alles auf einen Indizienprozess aus.

Nein, Wien ist nicht schön in diesem Tatort, eher bedrückend und heruntergekommen. Der Tatort führt in eine grausame Welt aus Gewalt und Unterdrückung, in der gerade Fellner aufschreit und rebelliert, fast erschlagen vor Ohnmacht. Als sie Aziz in einer Boxhalle ausfindig macht, in den Ring steigt und mit ihrer Handtasche auf ihn einschlägt, wirkt das nicht aufgesetzt, sondern nachvollziehbar; überhaupt wird Gewalt legitimiert und drastisch gezeigt. Aber dieses System aus Verzweiflung ist bedrohlich, und die Polizei mit den Schicksalen überfordert und tatenlos: „Härte fordern und selber Schwache ausnutzen“, entrüstet sich Bibi über die Doppelmoral derer, denen 30 Euro für eine Prostituierte auch noch zu viel ist. „Ich sehe schon die Schlagzeilen“, greint Fellners und Eisners Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar). „Ausländerkind zündet bulgarische Prostituierte an, und wir verhätscheln den, auf Staatskosten, mitten in Wien.“ „Da können wir ja froh sein, dass das Kind kein Österreicher ist“, giftet Eisner zurück.

Den Wiener Tatort-Machern (Buch: Martin Ambrosch, Regie: Sabine Derflinger) gelingt ein bedrückender Film, der die Ohnmacht punktgenau einfängt. Ärgerlich ist jedoch die weichgespülte Synthie-Musik (Gerhard Schuller), die zu dramatisch durch den Film wabert. Und die Traumszene, in der Bibi ihrer Mutter begegnet, ist mit Nebelschwaden und sphärischer Musik ziemlich albern geraten. Doch diese Wermutstropfen schaden dem Film nicht: Man erlebt am Sonntag einen aufwühlenden Tatort, der sprachlos macht, und einen Moritz Eisner, der als Sidekick fungieren darf. Sehenswert!

Oliver Dietrich weiß natürlich, dass Benzin nicht durch eine glimmende Zigarette entzündet werden kann, lässt diesen uralten Fehler aber gern unter den Tisch fallen, weil er sich einfach zu sehr über ein großartiges Wiener Ermittlerteam freut.