Tatort-Kritik : Die Angst vor der Menopause

Hokus Pokus Koitus: Der Leipziger Tatort "Frühstück für immer" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) handelt von gut aussehenden Ü40-Frauen, die von Abschleppmonstern, Vergewaltigen und Mördern umzingelt sind. Ein Albtraum der Banalität.

Oliver Dietrich
"Guckst du dir den Quatsch am Sonntag an, Keppler?" - "Nee, lass mal, da hab ich echt was Besseres vor."
"Guckst du dir den Quatsch am Sonntag an, Keppler?" - "Nee, lass mal, da hab ich echt was Besseres vor."Foto: MDR/Junghans

Ein wenig hat man sie doch ins Herz geschlossen, die Leipziger Ermittler Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) - erst recht, nachdem sie so gnadenlos geschasst worden sind. Aber nach dem grandiosen Reinfall "Türkischer Honig" dachte man eigentlich, dass es unmöglich schlimmer kommen kann. Nun ja: Ist der Ruf erst ruiniert, braucht man sich auch keine Mühe mehr zu geben, scheinen sich die Entwickler von Saxonia Media gedacht zu haben - und bringen mit "Frühstück für immer" erst recht so richtig hirnlosen Blödsinn mit Langeweile-Faktor auf die sonntägliche Mattscheibe.

Der Tatort beginnt hitchcokhaft hochdramatisch: unter der Dusche, mit bedrohlichen Streichern im Hintergrund. Doch die Erwartung gewetzter Messer zerplatzt jäh, es gib nur einen eifersuchtsbeladenen Mutter-Tochter-Konflikt. "Verspritz dein Gift woanders!", blafft Caro (Helen Woigk) ihre Mutter Julia (Oana Solomon) an. Kein Wunder: Während die Müttergeneration ihr Junggesellendasein mit Prosecco feiert, wird heimlich dem jugendlichen Lover der eigenen Tochter nachgegeifert. Das kann ja nicht gutgehen. Genauso wenig wie die Ü40-Party, auf der die illustre Damenrunde zum Polonaisetanzen landet: Wir wissen, dass solche Abende schlimm enden. Und am nächsten Tag wird Julia natürlich ermordet aufgefunden: Der "Würger von Mockau" hat wieder zugeschlagen.

Ab jetzt wird es nur noch abwechselnd langweilig und hochnotpeinlich. Das Drehbuch (Katrin Bühlig), das wohl nach dem verkaterten Ende einer dieser Ü40-Partys entstanden sein muss, nimmt wirklich jedes Klischee mit, angefangen bei der Tochter Caro, die sich zu triefender Musik ein paar Tränen abringt und schluchzt: "Warum? Sie hat doch niemandem etwas getan!" Währenddessen ist ihr Mackertyp Mike (Franz Dinda, der Einzige, der sich in Leipzig traut, mit Akzent zu sprechen) so was von tatverdächtig, dass man ihn von vornherein einfach nur ausschließen muss.

Was will uns dieser Tatort sagen? Es geht um die Angst vor der Menopause: Julias Mittvierziger-Single-Freundinnen Silvie (Ursina Lardi) und Karmen (Inga Busch) treiben sich auf Ü40-Partys rum, um Männer abzuschleppen, bevor es zu spät ist. "Wenn man in ein gewisses Alter kommt, dann verschwinden wir Frauen einfach so aus den Blicken der Männer", doziert Karmen - einzig Keppler glaubt das nicht, wie er in diesem Frauenkrimi auch völlig deplatziert wirkt und sich durch den aufdringlichen Duktus der modernden Frau, die keiner mehr will, schleppt (Regie: Claudia Garde).

Es kommt aber noch viel, viel schlimmer: Auf einmal tritt nämlich der ominöse selbst ernannte "Venuskünstler" und Abschleppfanatiker  Tom Römer (Marc Hosemann) auf den Plan, dessen Vokabular dem Albtraum jeder Feministin entsprungen sein mag: "Hokus Pokus Koitus", heißt es bei ihm, "vom Loser zum Lover". Der hatte nämlich auch was mit Julia, obwohl sie ihn am fraglichen Abend abblitzen lassen hat. Aber Keppler quatscht ihn ganz einfach mal am Leipziger Hauptbahnhof an. Doch jeglicher Verdacht perlt an ihm ab - er übt sich derweil cool im Anglizismus-Outputting: "Mich interessiert nur das Game, der Approach", erklärt er kurzerhand. "Wenn danach noch ein Close-Fuck rausspringt, ist mir das egal." Wieder was gelernt. Aber auch der Venuskünstler gerät beim Abschleppen an seine Grenzen: Nämlich wenn der gutbetuchte Schönheitschirurg Peter Hauptmann (Filip Peeters), der einen Hang zu Sado-Maso-Praktiken hat, auf der Ü40-Party auftaucht. Auch ganz klar ein Verdächtiger: Schließlich hat man eine Fußfessel in der Vagina (sic!) des Mordopfers gefunden.

"Das Ausnutzen liebeshungriger Frauen im mittleren Alter ist ja noch kein Straftatbestand. Leider", trauert Keppler. Diese monotone Klischeeschlacht von Film ist es jedoch: und zwar der mit Abstand größte gequirlte Blödsinn, der dem Tatort-Publikum zugemutet werden kann. Bye-bye, Keppler und Saalfeld, aber mit diesem haarsträubenden Nonsens wird euch zu Recht die Legitimität der Tatort-Ermittler entzogen. Unbedingt rechtzeitig abschalten!

Oliver Dietrich mag Leipzig sehr, und hatte bisher auch ein Herz für die beiden Ermittler. Aber spätestens jetzt ist damit Schluss. Schämt euch!