Tatort-Kritik : Der Teflon-Tatort

Der Stoff ist gut - der Einstieg auch: Eine tödliche Prügelattacke am Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße, bisschen Boulevard, bisschen Affären. Trotzdem bleibt der Tatort vom Sonntag seltsam blutleer.

Ariane Lemme
Jedes Wochenende auf pnn.de: Die Tatort-Rezension.
Jedes Wochenende auf pnn.de: Die Tatort-Rezension.Foto: dpa

Fast jeder kennt die Szene: Jugendliche, die in der Bahn pöbeln, provozieren, Stress machen. Die meisten werden auch den Moment des Zweifels kennen - sich einmischen oder Klappe halten? Es gibt Momente, in denen das einen großen Unterschied macht. So wie im Berliner Tatort vom Sonntag mit dem etwas plakativen Titel "Gegen den Kopf". 

Zwei junge Männer haben auf einen Dritten eingeschlagen, am U-Bahnhof Schönleinstraße. Der liegt auf der Berliner Linie U8, die Mitte mit Neukölln verbindet. Eine Linie, in der man Menschen genau so oft leise weinen wie ausgelassen feiern sieht. Brutale Übergriffe mit tödlichem Ausgang haben in Berlin in den vergangenen Jahren an anderen Orten stattgefunden, am Alexanderplatz etwa - dort immerhin sind die Tatort-Täter in die U-Bahn gestiegen.

Der Film spart die Gewalt erst einmal aus: Die Jungs machen einen älteren Mann an, auf unangenehme, aggressive Art. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch, schreien sich in Rage. Ein Mann geht dazwischen, steigt dann aus. Die Jungs folgen ihm, der Zuschauer bleibt im Zug, fährt mit in den Tunnel, die Dunkelheit des Unwissens - und weiß doch alles. Das ist ein schmerzhafter und vielleicht auch schon der beste Moment in diesem Tatort.

Ab diesem Moment arbeiten sich die Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) akribisch und mühsam durch den Fall. Beide wirken oft eher, als würden sie ihren Text einfach aufsagen. Erst ganz am Schluss gibt es noch, quasi als Gegenpol zu dieser ersten, eine Szene, in der sich die Gewalt in ihrer ganzen Sinnlosigkeit und Härte vollzieht. Dazwischen ist der Tatort erschreckend blutleer.

Dass im Berliner Tatort keiner auch nur einen Hauch berlinert, hat man ja schon lange zähneknirschend akzeptiert. Warum einer der wichtigste Zeuge - seit der Wende arbeitslos - spricht, als käme er gerade vom Hamburger Fischmarkt, ist so rätselhaft wie unnötig. Die Bilder stimmen, der ganze Film aber bleibt trotz der vielen Außenaufnahmen seltsam distanziert von seiner Stadt mit ihrem Klang, ihrem Geruch, ihrem Dreck. Die kurzen Radiosendungen, die immer wieder eingespielt werden, mit typische RBB-Sound (da musste der Produktions-Sender nur mal kurz im Archiv stöbern), machen das mit ihrer Authentizität eher noch deutlicher.

An Herzblut fehlt es auch Ritters und Starks Streit über Telefonüberwachung und Datenschutz: Stark hat in den 1980er Jahren gegen die Volkszählung demonstriert, Ritter findet das albern. Das Thema hat sich aber ohnehin erledigt, ohne die Auswertung von Überwachungskameras und Handydaten - wer ist wann wo eingeloggt gewesen, wer hat wann, wo und von wem Fotos gemacht - würden die beiden diesmal nicht einen Schritt vorankommen.

Dem Zuschauer kann das aber wurscht sein, Regisseur Stephan Wagner verzichtet konsequent auf jeden Spannungsbogen. Der Stoff ist düster, ja. Er ist aktuell, das auch, Verweise auf die Realität, vor allem zum Fall des ermordeten Dominik Brunner aus München gibt es genug. Aber das allein lässt die Geschichte noch nicht in Fahrt kommen. Auch die kleinen Nebenschauplätze - ein Maulwurf im Team von Ritter und Stark, eine heimliche Geliebte des Opfers, bleiben seltsame Versatzstücke, die an der Story dranhängen wie ein gelähmter Arm.

Der Tatort steht neben sich, schaut sich selber zu, scheint es. Der Berliner Boulevard stilisiert das Opfer, den Familienvater Mark Haessler, schnell zum Held, der einen anderen Fahrgast vor der Brutalität der beiden Täter beschützt hat. Ja auch das erinnert an Dominik Brunner. Der Film selbst, das ist eine seiner starken Seiten, distanziert sich auch davon und zeigt ihn als einen guten Typen - aber einen mit Fehlern und Schwächen. Einer aber, der völlig selbstverständlich so handelt wie jeder gerne von sich glaubt, es in einer solchen Situation zu tun.

Aber was als Methode für die Hauptfigur gut funktioniert, passt nicht als Konzept für die Kommissare und  das Drehbuch. Die Distanz, aus der heraus Ritter und Stark und der ganze Tatort sich an ihrem Sujet abarbeiten, hat etwas von der Merkelschen Teflonhaftigkeit. Man kann sie nicht hassen, sie machen wenige Fehler - aber sie packt einen auch nicht. So gesehen ist dieser Tatort nach dem TV-Duell vom letzten Sonntag ein sanfter Start in die neue Tatort-Saison.

Ariane Lemme lebt als berlinernde Münchnerin in Berlin und benutzt die Linie U8 jeden Tag. An Helden glaubt sie nicht  - aber an bessere Tatorte.