Tatort-Kritik : Das Mädchen mit der Hundeleine

Gewaltporno - oder faszinierender Tanz am menschlichen Abgrund? Beim neuen Kölner Tatort "Franziska" waren sich die PNN-Rezensenten derart uneinig, dass es diesmal eine Pro-und-Contra-Kritik gibt.

Ariane Lemme Oliver Dietrich
Foto: ARD/Promo

Tessa Mittelstaedt hat keine Lust mehr. Nach Jahren als Tippse Franziska Lütgenjohann für die Kölner Ermittler Ballauf und Schenk wird es Zeit für eine neue Perspektive, deshalb heißt es im neuen Kölner Tatort „Franziska“ Abschied nehmen von Franziska Lütgenjohann (Tessa Mittelstaedt), die Ballauf und Schenk immerhin 13 Jahre zur Seite stand. Und das tut sie nicht auf die Kleinmädchentour: Die ARD musste die Ausstrahlung auf 22 Uhr verlegen.

Denn Franziska kommt als ehrenamtliche Bewährungshelferin in den Knast, um sich mit ihrem Mandanten – dem Schwerverbrecher und Vergewaltiger Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann) - zu treffen. Der steht kurz vor der Entlassung. Weil die Gefängnisleitung skeptisch ist, legt Franziska eine flammende Rede für ihn hin: „Wir als Gesellschaft sollten alles dafür tun, dass das nicht noch mal passiert. Wir haben eine Verantwortung. Daran glaube ich und deshalb bin ich hier.“ Kehl hat sich in den letzten zehn Jahren nichts zuschulden kommen lassen, er hat eine günstige Sozialprognose. Lütgenjohann glaubt an ihn – und kommt doch nicht lebend aus der Sache raus.

Während sie sich mit Kehl trifft, wird im Gefängnis der Alarm ausgelöst – ein Häftling wurde ermordet und Kehl steht unter Verdacht. Der nutzt die Verwirrung kurzerhand, um Lütgenjohann als Geisel zu nehmen. Der Versuch, sie zu befreien, gerät zum Psychothriller, der bei den PNN-Rezensenten zu widersprüchlichen Reaktionen geführt hat. Deshalb gibt es die Kritik diesmal als Pro-Contra.

 

Contra

Einen Abgang wie Franziska hat noch kein Tatort-Kommissar hingelegt: Rein in den Schwerverbrecherknast, ran an die ganz harten Jungs. Und da sie sich den härtesten Hund raussucht, klappt es auch ganz souverän mit dem Abschied. Das merkt man schon zu Anfang des Filmes: Franziska wird wie Frischfleisch in eine Löwenhöhle geführt, die Hakenkreuztätowierten bejohlen ihre Ankunft, sowieso herrschen raue Sitten im Knast, der eher an eine Massentierhaltung mit gefährlichen Tieren erinnert: Gewaltverbrecher, die munter aufeinander losgelassen werden. Aber Franziska, ganz Opferlamm, schnappt sich den Schlimmsten von allen.

Dass er sie als Geisel nehmen könnte - na, damit hatte sie vorher doch nicht gerechnet. Sie glaubte an Kehl - doch der Traum von Resozialisierung platzt: Kehl hat sich kein bisschen geändert, der Sadist stürzt sich in Fesselspiele, legt ihr Kabelbinder um und Messer an den Hals. Da hat sich jemand in seiner Naivität und im Glauben an das Gute im Menschen einer Bestie ausliefern lassen. Kehl genießt seine Macht über sein Opfer, das „Mädchen mit der Hundeleine“. Das soll der Zuschauer wohl auch. 

Die ARD wurde – ein Novum in der Tatortgeschichte – dazu verdonnert, aus Jugendschutzgründen die Ausstrahlung auf 22 Uhr zu verlegen. Völlig zu Recht: Im Prinzip passiert 90 Minuten lang nichts anderes, als dass Ballauf und Schenk zusammen mit dem ebenso machtlosen SEK ansehen und anhören müssen, wie der Verbrecher sein Opfer zu Tode foltert. Die Frage ist berechtigt: Muss das sein? Dieser Mischung aus Psychothriller und exzessiver Gewaltpornografie zerrt am Gemüt - und nervt dabei gewaltig. Für wie sadistisch halten die Öffentlich-Rechtlichen denn ihre Zuschauer? Bei so viel sinnloser Gewalt bleibt die Story selbstverständlich auf der Strecke. Was übrig bleibt, ist nicht mehr als eine Folterdokumentation, die alle voyeuristischen Klischees bedient. Immerhin kann man Tessa Mittelstaedt zugute halten, mit dem vielleicht brutalsten Abgang der Tatort-Geschichte im kollektiven Gedächtnis zu bleiben. Wer Spaß daran hat, zuzuschauen, wie ein Mörder und Vergewaltiger innerhalb einer Filmlänge eine Polizistin totquält, ist herzlich willkommen. Für alle anderen heißt es: abschalten. Oliver Dietrich

Pro

Klar kann man Tessa Mittelstaedts Ausstieg als eine möglichst brutale unter vielen Varianten des Rollen-Exits verstehen. Man kann „Franziska“ aber auch als Versuch werten, sich beim Tatort mal etwas zu trauen. Gewalt, Sadismus, Vertrauensbruch – all das gehört zum Leben, wird vom ARD-Sonntagabendkrimi, der ja in vieler Hinsicht so beflissen die Realität abzubilden versucht, meist ausgeblendet. Das Irre, das Abgründige fehlt oder wird in angenehm portionierbare Dosen verpackt. Nur nicht zu viel Irritation, bevor die Arbeitswoche beginnt, lieber die Nase in den lauen Wind von ironischen Dialogen, leichtem Klamauk und drögem Polizeialltag halten als in den Sturm des Wahnsinns. Aufwühlen, überhöhen, verstören – das ist im Tatort - anders als in britischen Krimis etwa - eigentlich nicht vorgesehen.

 „Franziska“ aber packt den Zuschauer – ganz gleich, ob man ihren Tod von Anfang an mitdenkt oder bis zum Ende auf ihre Rettung hofft. Das allein ist schon ein Kunststück. Spannung entsteht eben vor allem durch den Blick in den menschlichen Abgrund – und der steckt nicht nur in Serientätern wie Kehl.

Er und Franziska liefern sich einen rauschhaften Tanz, ein gefährliches Spiel von Macht und Unterwerfung. Sie ist klug, er brutal. Er ist nicht nur böse, sie nicht nur kühl. Aber beide sind auch Spieler. Sie testen sich gegenseitig und Franziska fordert ihn oft genug heraus. Sie weiß um ihre geistige Überlegenheit, auch ihre Nerven sind besser als die des ständig unter Strom stehenden Killers. Doch es gibt diese Momente, da blitzt der Übermut aus ihren Augen, die Lust, ihn zu reizen, selbst im Angesicht ihres Todes.

Ein Gewaltporno ist „Franziska“ dabei sicher nicht, gefoltert und gequält wurde in anderen Tatorten schon heftiger, mehr Blut gab es sowieso. Was brutal ist, ist eigentlich nur die Eindringlichkeit, mit der erzählt  - und gespielt - wird. Tessa Mittelstaedt hatte in den vergangenen 13 Jahren im Tatort wohl nie die Gelegenheit, ihr Können derart zu beweisen. Sie geht dem Zuschauer tatsächlich nah. Das ist die große Kunst von Regisseur Dror Zahavi. Wer sich lieber einlullen lässt, guckt aber tatsächlich lieber weg. Ariane Lemme