Tatort-Kritik : Brennende Brücken

Der neue Kölner Tatort erzählt eine eigentlich alte Story spannend und neu. Das verdankt er auch seinen hervorragenden Schauspielern - und einem klugen Soundtrack.

Ariane Lemme
Foto: WDR/Uwe Stratmann

Am Ende bleiben nur die unwichtigen Dinge intakt. Eine Lampe, ein Schal. Ein CD-Player. Alles andere ist zerstört. Wie profund das Chaos und die Verletzungen sind, in diesem Ensemble verzweifelter Erwachsener, das ist zu Beginn dieses neuen, klugen Kölner Tatorts „Der Fall Reinhard“ keinem klar.

Klar ist nur - ein Haus ist abgebrannt. Darin: Drei kleine Kinder. Alle tot. Die Mutter entdecken Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) in einem Waldstück, nicht weit vom Haus entfernt. Der Vater scheint verschollen. Verzweifelt ruft Karen Reinhardt (Susanne Wolff) nach ihm. Vergeblich. Erinnern kann sie sich an nichts. Nicht daran, wie es zu dem Brand kam, nicht daran, wie sie es aus den Flammen geschafft hat – und so richtig auch nicht an ihren Mann, Gerald Reinhardt (Ben Becker). Zumindest passt da einiges nicht zusammen: Am Morgen vor dem Feuer hat er sich verabschiedet, ging zur Arbeit. Ganz normal, sagt Karen Reinhardt.

Ballauf und Schenk finden allerdings heraus, dass er schon lange arbeitslos war. Sie brauchen dann aber eine ganze Weile, um ihn ausfindig zu machen. Unter dringendem Verdacht steht er erst einmal ohnehin nicht, denn das Feuer im Haus der Reinhardts war nicht das erste. Erst vier Tage zuvor hat es gebrannt, und acht Tage davor auch. Ein Brandstifter scheint in Köln zu wüten, einer, der offenbar auch keine Rücksicht mehr nimmt auf Menschenleben. Und natürlich findet sich ein unangenehmer Typ, einer mit komischen Gewohnheiten, Benzinkanistern im Keller und einem Paar Gummistiefel, das er am Tatort getragen haben könnte. Ein Hausmeister und eine derart traurige Gestalt, dass er sich als Täter eigentlich schon selbst diskreditiert.

Dann gibt es da noch eine frühere Freundin der Reinhardts. Die ist seit zwei Jahren selbst Mutter – und hat seitdem den Kontakt abgebrochen. Jetzt nimmt sie Karen Reinhardt für ein paar Tage bei sich auf – ein klein wenig widerstrebend. Sich so der Familie aufopfern, ohne eigenen Job, eigene Karriere wie Karen Reinhardt das getan hat? Nichts für sie, lässt sie Ballauf wissen.

Und es stimmt ja: Zerstört ist nicht nur das Leben der drei Kinder, auch Karen Reinhardt hat jedes Ziel, jeden Halt verloren. Daran lässt Susanne Wolff keinen Zweifel. Sie zuckt kaum mit der Wimper und schleudert es dem Zuschauer trotzdem mitten ins Herz: Wie weh das tut, wenn die eigenen Kinder verbrennen und man selbst überlebt. Dass es da gar keine Hoffnung mehr gibt, auf gar nichts. Nur noch die eigene Existenz aushalten.

Doch der Tatort macht ein paar elegante Wendungen. Regisseur Torsten C. Fischer lässt sich nicht auf das ganz billige Täter-Opfer-Schema ein und er ruht sich auch nicht auf der Wucht seiner Schauspieler aus. Die hätten auch eine weniger gute Story getragen, aber schon allein die kleinen Fährten, die Fischer legt, machen den Spaß am „Fall Reinhardt“ eindeutig größer.

 Am Ende wünscht man sich nur, auch die Figuren hätten die ein oder andere Fährte selbst erkannt und sich so viel Leid erspart. Karen Reinhardt etwa hätte nur einmal genau hingehören müssen, beim Lieblingssong ihres Mannes. „Come sail your ships around me, and burn your bridges down….”, heisst es in Nick Caves Ship Song.

 Ariane Lemme hat sich an dieser Stelle erst neulich mehr Morde aus Leidenschaft gewünscht anstatt der immer selben Parade vermeintlicher gesellschaftlicher Problembären, die im Tatort sonst so gerne abgefeiert wird. Jetzt glaubt sie wieder an einen Tatort-Gott.