Tatort-Kritik : Böse Syrer in Oldenburg

Schlimm, ganz schlimm: Der syrische Bürgerkrieg ist im neuen NDR-Tatort "Die Feigheit des Löwen" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD)sogar in Oldenburg angekommen. Leider nützt das dem Film nichts.

Oliver Dietrich

Kalt ist der neue Hamburger Tatort um die Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Jan Katz (Sebastian Schipper). Unterkühlt ist aber auch die Struktur der Handlung, die einen unweigerlich in nichtssagender Starre verharren lässt. Syrischer Bürgerkrieg ist das offensichtliche Thema - und der macht anscheinend nicht einmal vor Oldenburg Halt.Nun gut, kriminelle Schleuser waren ja schon irgendwie das Thema im letzten Tatort "Kaltstart", der immerhin eine feine Allegorie der Verzweiflung war. Trotz der schönen Bilder kann der aktuelle Tatort nicht an den vergangenen Fall anschließen.

Die erste Leiche kommt schnell am Anfang des Tatort, ein Schleuser wird von einem Streifenpolizisten erschossen, weil er sich einfach mal zu auffällig und zu aggressiv verhält. Neben einer verstörten Syrerin auf dem Beifahrersitz, die ihre Hände bandagiert hat, birgt das Schleuserfahrzeug aber noch etwas ganz doll Unangenehmes, was Kommissar Katz den Atem stocken lässt: Im Kofferraum sind zwei Kinder, ein Mädchen (tot) und ein Junge (lebend). Was für ein schicksalshafter Einstieg.

Nun gut, die syrischen Verhältnisse sind schlimm, ganz schlimm, keine Frage. Das beteuert auch das NDR-Produktionsteam immer wieder, wenn es während es Filmes unentwegt Bilder und Töne des Krieges in den Äther schickt, fein verwoben in die Nebenhandlung: Tod und Verderben im Radio, Krieg und Schrecken im TV: "Das massenweise Töten ist Teil des Systems (...) und kann nicht gestoppt werden", ist da zu hören. Schlimm, ganz schlimm, wirklich.

Diese Hilflosigkeit überträgt sich auch auf die Ermittler, Jan Katz etwa, der sprachlos neben dem verstörten Jungen sitzt und nicht weiter sagt als: "Dann kommst du ins Heim." Auch das ganz schlimm für den Kleinen. Lieber schnell noch einen Handlungsstrang aufmachen: Raja Hoffmann (Daniela Golpashin) und Faisal Azim (Tamer Yigit) haben Ärger mit der Polizei. Mitten in der Nacht lässt Falke mit dem SEK die Bude stürmen und Azim verhaften, schließlich haben sie den mutmaßlichen Schleuser schon eine Weile im Visier. Azim schweig zunächst, doch Falke hat schon eine Idee, wie er ihn zum Reden bekommt: einfach einen - natürlich illegalen - Deal anbieten. "Keine Täuschung. Eine List. Großer Unterschied!", sagt er in französischer Bullen-Manier zu Kollegin Lorenz. Und: "Machen Sie ihn fertig!" Jaja, wenn es auf die Syrer geht. Ach so, davon gibt es auch noch mehr: Ahmed Shuk zum Beispiel ist auch Syrer, aber verschwunden - dass seine Leiche im Laufe der Handlung auftauchen wird, ist kein Geheimnis. Und es gibt noch den Arzt Nagib (Husam Chadat), der augenscheinlich wunderbar assimiliert mit seiner blonden deutschen Frau Lydia (Karoline Eichhorn) zusammenlebt, beide sind befreundet mit Raja - aber es gibt noch einen Syrer im Haus: Harun (Navid Negahban), Nagibs Bruder und ein ganz angsteinflößender Geselle. Ahmed ist immer noch nicht aufgetaucht, alle warten auf ihn - aber zumindest die Polizei hat schon etwas über ihn rausbekommen: Er hat nämlich einen Eintrag im Register, Erregung öffentlichen Ärgernisses. "Hat der seine Nudel gezeigt oder was?", fragt Falke nur.Anscheinend hat der Lebemann genau das.

Jaja, ganz schlimm alles, möchte man mit unaufhörlichem Kopfnicken beipflichten. Man sieht die Syrer wie eine Black Box, keiner versteht sie, potenziell sind sie - zumindest die Männer - alle böse, böse, böse. Über dieses Level kommt der Tatort auch nicht hinaus: Da macht die angedeutete Annäherung von Falke und Lorenz - beide scheinen nach einer durchzechten Nacht in der Kiste zu landen - die zusammenhanglose Geschichte auch nicht besser. Immerhin lernen wir etwas: Der ermordete Ahmed starb nämlich den Bolustod, nachdem er ausgiebig gefoltert wurde, mitten in Oldenburg. Genau, der "Bockwurstbudentod", der eintritt, wenn man beim Essen spricht oder zu hastig hinunterschlingt, dann verkeilt sich das nämlich in der Speiseröhre und Exitus. Wird auch nett vorgeführt von der Gerichtsmedizinerin mit dem Wiener Akzent.

Die Message, die Regisseur Marvin Krenz, der vorher für Splatterfilme wie "Blutgletscher" verantwortlich zeichnete, und Drehbuchautor Friedrich Ani (halb Schlesier, halb Syrer, immerhin) vermitteln wollen, gerät dennoch zu undurchschaubar. Man holt mit den Kriegsflüchtlingen den Krieg ins Land? Meinen die das wirklich so? Und warum sprechen die alle so prima Deutsch? Sicherlich nur ein dramaturgischer Kniff, glauben möchte man das Spektakel dennoch nicht. Da trösten auch nicht die wirklich gelungenen Bilder (Kamera: Armin Franzen) darüber hinweg, dass hier nur eine zusammenhanglose Geschichte gestrickt wird, die dem Zuschauer lauter merkwürdige Syrer präsentiert. Ach ja, Syrien, der Bürgerkrieg: schlimm, ganz schlimm.

Oliver Dietrich hätte sich eine intensivere Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik gewünscht. An böse Syrer in Oldenburg mag er nämlich nicht glauben.