Tatort-Kritik : Böse Menschen

Der Stuttgarter Tatort "Preis des Lebens" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) will gern schockieren, nervt aber mit einer zu bemühten Selbstjustiz-Story

Oliver Dietrich

Jetzt geht's ans Eingemachte, kündigte die ARD vorher großspurig an: Ermittler Sebastian Bootz (Felix Klare) wird leiden, an die Grenzen gehen. Naja, das mit dem Leiden ist dann doch eher am Zuschauer hängen geblieben, der so einen Fall aus dem Tatort-Baukasten für Anfänger erst mal verdauen muss.  Dabei hat sich der Tatort ziemlich viel vorgenommen: vergewaltigte und entführte Kinder, Selbstjustiz, Brutpflegereflex - alles findet sich in "Preis des Lebens" wieder, der von Roland Suso Richter, der bereits den Tatort "Spiel auf Zeit" drehte, in Szene gesetzt wurde. Aber ein krasses Thema ist noch längst kein Garant für eine gelungene Umsetzung - das hat in Stuttgart schon besser geklappt, etwa mit dem überaus gelungenen Fall "Happy Birthday, Sarah"

15 Jahre hat Jörg Albrecht (David Bredin) im Knast gesessen, "Vergewaltigung mit Todesfolge" an der 16-jährigen Mareike Mendt wurde ihm attestiert - vor laufender Kamera wurde das Mädchen missbraucht und schließlich erwürgt, ein drei Tage dauerndes Martyrium. Trotz günstiger Sozialprognose musste Albrecht seine Strafe absitzen: Den Namen des Kameramanns, der denn Snuff-Film aufnahm, gab er nie preis. Als sich schließlich die Gefängnistore öffnen, steigt er nichts ahnend ins Auto der vermeintlichen Bewährungshelferin - die sich jedoch bald als Mutter (Michaela Caspar) der getöteten Mareike entpuppt: Gemeinsam mit ihrem Mann (Robert Hunger-Bühler) sinnt sie auf Rache für das getötete Kind. "Ich bin Arzt", raunt der dem entführten und gefesselten Knasti ins Ohr. "Arzt heißt aber auch, dass ich mich in Anatomie sehr gut auskenne." Gleiches mit Gleichem also: "Ich bin nicht mehr so", wimmert der Mörder. "Mareike wollte auch leben", ist die kühle Antwort der Eltern. Am nächsten Tag kennt Familie Mendt den Namen des zweiten Mannes, und Albrecht liegt tot im Müll, Todesursache ist eine Überdosis Pentobarbital. Ganz schnell stehen die Kommissare Bootz und Lannert (Richy Müller) vor der Tür des Arztes - für einen Haftgrund reichen die Indizien jedoch nicht. Kurz darauf taucht das mörderische Pärchen unter - und Bootz' Tochter Maja (Miriam Joy Jung) wird entführt. Es beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit. 

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Jaja, das gute, alte Thema Selbstjustiz, das bereits am vergangenen Sonntag im Dortmunder Tatort für den roten Faden sorgte, wird auch hier aufgenommen. Genug Stoff für ein Psychogramm liefert der Tatort ja, allerdings mag der provokativ gemeinte Plot nicht über die Schwächen des Drehbuchs (Holger Karsten Schmidt) hinwegtäuschen. Kein klassisches Whodunit-Konzept also, eher die Jagd nach den Mördern, die längst bekannt sind. Allerdings sind die Zutaten durchschaubar: Rache als Leitmotiv, dazu eine blasse Täterkonstruktion (selbst Missbrauchsopfer, kaputtes Elternhaus, Tierquäler, ein Schwein also durch und durch) und zuletzt hängt der Krimi zu sehr in der Stuttgart-Problematik fest - indem das Privatleben der Kommissare herhalten muss, um die dürftige Story zu flicken. Klar, Lannert hat seine Familie schon vor Jahren komplett verloren, Bootz ist tief im Scheidungsprozess, da werden urkonservative Werte transportiert. Allerdings hätte die Handlung mehr hergeben können: Die horizontale Erzählweise funktioniert doch auch in Rostock, Dortmund und Berlin. 

Als Psychogramm taugt der tendenziell eher schwache Stuttgarter Tatort, von dem einige langweilige Filme stammen, dann auch eher nicht. Sehenswert machen ihn höchstens die kühlen Bilder (Kamera: Jürgen Carle und Christoph Schmitz). Die pseudopsychologische Moralität fängt aber beizeiten gehörig an zu nerven, weil sie einfach keine Tiefenzeichnung der Charaktere zulässt. Noch dazu sorgen zu viele hanebüchene Erklärmuster dafür, dass man schnell die Lust verliert. So wird es leider wieder nichts mit dem Coup aus Stuttgart. 

Oliver Dietrich ist trotz krasser Grundidee tödlich gelangweilt. Seit wann hängen eigentlich Staatsanwälte den ganzen Tag auf dem Polizeirevier rum und ziehen Dienstausweis und -waffe ein, wenn ihnen die Ermittlungsmethoden nicht passen? Eine Story aus Holz, eben.