Tatort-Kritik : Böse Engel im Sommermärchen

So muss ein Tatort sein: Schöne Bilder, eine launig erzählte Story, und trotzdem böse bis ins Mark. Der Tatort „Borowski und der Engel“ ist ein rundum gelungener Sonntagabend-Krimi. Endlich!

Oliver Dietrich
Da stimmt doch was nicht: Borowski hakt noch mal bei Sabrina Dobisch nach.
Da stimmt doch was nicht: Borowski hakt noch mal bei Sabrina Dobisch nach.Foto: NDR/Christine Schröder

„Manche Morde bleiben unbemerkt“, doziert Borowski (Axel Milberg) vor Polizeischülern. „Die Täter leben unter uns. Als Teil unserer Gemeinschaft.“ Was ein wenig oberlehrerhaft rüberkommt, ist der Auftakt für eine der bösesten Geschichten, die je in einem Tatort erzählt wurden. „Ein Mörder muss wachsam sein. Sein Feind ist das Detail, das unscheinbare Wort.“ Schweigen sei aber gegen die Natur des Menschen – genauso wie Mord. Aber warum morden wir nicht?

Die Altenpflegerin Sabrina Dobisch (großartig: Lavinia Wilson) macht ihren Job mit Empathie, was sie mit dem Pianisten Christian van Meeren gemeinsam hat. Wenn da nicht der Faktor Einsamkeit wäre: Dobisch ist genauso einsam wie der alte Herr Kellermann, der in seinem Bett stirbt, während sie sich vor seinem Fernseher in eine schnulzige Welt des Glückes träumt. Ihr bleibt also nicht mehr als die Gewissheit eines einsamen Todes und die Katze des alten Mannes, die sie in ihre Tasche packt. Kurz darauf kreuzen sich die Wege zwischen ihr und dem jungen Pianisten: Dobisch wird „Zeugin“ eines Verkehrsunfalles, bei der Doris Ackermann (Leslie Malton) mit ihrem Geländewagen in ein Blumengeschäft schleudert, aus dem Christian van Meeren gerade kommt. Hier ist Dobisch der Engel: Beherzt zieht sie die verletzte Frau aus dem Wagen und kümmert sich um den Schwerverletzten Pianisten, der in ihren Armen stirbt – eine beängstigend authentische Szenerie.  

Das beherzte Eingreifen bringt ihr Respekt ein, aber eben auch die Macht der Beeinflussung. Das sei kein Unfall gewesen, sondern Mord, behauptet sie kühl. So ist die Katastrophe zugleich ein Lehrstück über Zivilcourage, aber eben auch über die Macht der Inszenierung. Wie weit kann man eine Rekonstruktion beeinflussen? Wer hat die Deutungshoheit? „Sie haben so dermaßen alles richtig gemacht, das kann man nicht toppen“, sagt Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) zu ihr. Der Satz ist ehrlich, der Kontext jedoch zynisch. Und der eiskalte Engel wird weiter hofiert.

Nun wird die Welt folgerichtig in Gut und Böse gespalten, während Borowski versucht, einen Mord ohne Motiv aufzuklären. Oder gibt es doch eins? Borowski stößt auf Ungereimtheiten, während der Zuschauer ganz genau weiß, was eigentlich passiert ist. Die Illusion des Möglichen (Buch: Sascha Arango) wird beherzt ausgeleuchtet, die Fäden konsequent weitergesponnen und die Wendungen perfekt platziert. Unter der Regie von HFF-Professor Andreas Kleinert entsteht so ein kleines Meisterwerk, in dem sich die Aufopferungsvollen der Gesellschaft den Dank zurückerobern, den sie sonst nie bekommen. Das hat etwas Märchenhaftes, geradezu Pathetisches – und strotzt in diesem Fall von schwarzem Humor. Und wie in jedem guten Krimi lauert der Teufel am Ende.  Gelungen!

Oliver Dietrich freut sich: Er hat in einem Krimi mehrmals die Seiten gewechselt. Genau so muss ein Tatort-Jahr zu Ende gehen.