Tatort-Kritik : Autopilot

Im Bremer Tatort "Nachtsicht" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) überfährt ein Serienkiller Menschen mit einem Auto. Ein spannendes Familiendrama.

Oliver Dietrich
Lautlos nähert sich der Tod.
Lautlos nähert sich der Tod.Foto: Radio Bremen

"Je länger ich auf dieser Welt lebe, desto weniger kenne ich mich mit allem aus", sagt Kristian Friedland (Moritz Führmann). Der Mann steht im Verdacht, mehrere Menschen äußerst brutal mit einem Auto mehrmals überfahren zu haben. Nachweisen lässt sich jedoch nichts: Sein Vater schirmt ihn ab, und bis auf ein am Tatort gefundenes Handy gibt es keine Hinweise auf seine Täterschaft. Aber auch keine Zweifel: Selten kommt es im Tatort vor, dass der Täter so von Anfang an im Fokus steht. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Wie kann man eine Familie beieinanderhalten, die im tiefsten Inneren völlig kaputt ist? Nicht das Wer steht hier im Vordergrund, sondern das Wieso. 

Worum geht's?

Lautlos taucht nachts ein schwarzes Auto auf, "wie ein Hai", aus dem Nichts trifft es Unschuldige, die zuerst angefahren und danach mehrmals überrollt werden. Ein Serienkiller, der es auf junge Männer abgesehen hat, zu denen er keinen Kontakt hatte - und ein Nachtsichtgerät in einem lautlosen Auto benutzt. An einem Tatort wird ein Handy gefunden, dass Kristian Friedland zugeordnet wird - der ist auch noch Autolackierer, passt also irgendwie ins Täterschema. Beweisen lässt sich nichts, und je mehr die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) sich der Familie nähern, desto abgründiger wird die Geschichte. Denn die ist so verkorkst, dass die Fassade nur noch mühsam aufrecht erhalten werden kann: Die Mutter (Angela Roy) todkrank, der Vater (Rainer Bock) ein angebrühter Strippenzieher, der aus Liebe handelt, die Freundin des Tatverdächtigen (Natalia Belitski) eine hilflose Frau im Rollstuhl. Doch nach außen hin soll alles funktionieren - jedenfalls solange die Mutter noch lebt. 

Worum es wirklich geht

Um einen Klassiker des Horrorgenres: die Angst im Dunkeln. Die ist hier jedoch doppeldeutig - denn zum einen geschehen die Morde nachts, zum anderen ist die wahre Dunkelheit in der Familie selbst verborgen. Und die will auf Biegen und Brechen in dieser ungewissen Dunkelheit bleiben - da wird geschwiegen und vertuscht und gelogen. Doch zu welchem Zweck? Und wie lange kann man Schuld auf sich laden, ohne dass sie zu stark wird? 

Sollte man den Tatort gucken?

Ja, unbedingt. Die Erzählstruktur ist wohltuend anders, und der Gruselfaktor ungewohnt hoch. Regisseur Florian Baxmeyer, der ja schon ewig mit dem Bremer Tatort verbunden ist, gelingt mit dem Film (Buch: Matthias Tuchmann und Stefanie Veith) eine ganz besonders mörderische Ästhetik: Da wird zum Sound von Johnny Cash gestorben, und der Eiseskälte mancher Szenen wird eine erschütternde Wärme gegenübergestellt. Und irgendwann hat man mit einem der grausamsten Mörder tiefes Mitleid - hier sind Grausamkeit und Empathie miteinander verzahnt. Ein wirklich schöner Fall - der aber in den Endspurt fällt: 2019 werden die Bremer Ermittler nach über 20 Jahren den Job an den Nagel hängen. An diesen Film wird man sich jedoch erinnern.