Tatort-Kritik : Abwärts

Im Dortmunder Tatort "Zahltag" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) wird gegen einen Rockerclub ermittelt - und gegen Kommissar Faber. Ganz großes Kino!

Oliver Dietrich

Die erste Eskalation, der eine Reihe weiterer folgen werden, findet auf einer Kreuzung in Dortmund statt. Rocker und "Miners"-Mitglied Ralf Nowak wird von einem Auto vom Motorrad geholt, die Angreifer sind nicht gerade zimperlich: Es fallen Schüsse, am Ende ist Nowak tot sowie ein Passant, eine weitere Passantin kommt schwer verletzt ins Krankenhaus. Dass es in der Rockerszene blutigen Streit gibt, ist ja keine Erfindung der Filmindustrie - sondern hochaktuell und gerade brutal von der Realität eingeholt. Und auch der Dortmunder Tatort thematisiert Streitigkeiten im Rockermilieu: "Miners"-Präsident Vollmer (Jürgen Maurer) ist gerade erst aus dem Knast gekommen - und muss sich die Führung erst zurückerobern. 

Doch dieses Thema streift der Tatort "Zahltag" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Tatort aus dem Jahr 2002) von Autor Jürgen Werner nur marginal: Die Fehde ist nur der Rahmen für die Weitererzählung der Figurenkonstellation. Denn Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) bekommt nämlich ungebetenen Besuch. Der interne Ermittler Johannes Pröll (Milan Peschel) wartet im Büro auf Faber. Der soll die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn untersuchen, die Fabers Kollege Daniel Kossik (Stefan Konarske) ins Rollen brachte: Hat Faber Dienstgeheimnisse an Drogenmogul Tarim Abakay weitergegeben? Der Fall liegt schon etwas zurück, "Kollaps lief im vergangenen Oktober. Die horizontale Erzählweise des Dortmunder Tatort könnte Faber jedoch jetzt den Job kosten. Allerdings zeigt sich sein Team nicht gerade kooperativ mit Pröll, was die Ermittlungen gegen Faber betrifft. Bleibt nur Kossik selbst als Kronzeuge: Doch der hat natürlich nicht mit der Durchtriebenheit Fabers gerechnet, der an seinem Job klebt. 

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Nach dem eher lauen Hochsommer-Intermezzo "Hundstage" von Christian Jeltsch kommt Dortmund diesmal mit voller Wucht zurück - was nicht zuletzt an der perfekten Zusammenarbeit von Autor Jürgen Werner und Regisseur Thomas Jauch liegen mag, den Erfindern des Formats. Intensiver kann man eine Geschichte kaum erzählen: Faber bricht alles weg, was ihn bisher gehalten hat, sogar Kollegin Martina Böhnisch (Anna Schudt), die als Einzige bis zuletzt an seiner Seite stand, wendet sich von ihm ab. Aylin Tezel spielt Nora Dalay mit der zerrissenen Intensivität zwischen Loyalität und Karriere. Aber den größten Auftritt hat Stefan Konarske: Nie sah der Säufer Kossik so herrlich abgewrackt aus, dass ihn auch der feine Zwirn nicht rettet, mit dem er Pröll zu täuschen versucht. 

Im Prinzip hätte der Tatort die halbherzige Rahmenhandlung gar nicht benötigt, so schlüssig sind die Figuren, so spannend ist die Story. Und Milan Peschel, dessen letzter Tatort-Auftritt in einem stattfand, spielt den Bluthund so überzeugend, dass es eine wahre Freude ist. Gut, einen enttäuschenden Tatort gab es vom Faber-Team sowieso noch nie. Aber hier wird gezeigt, wie man wirklich alles richtig macht. Applaus.