Netzwelt : Spur der Daten

Das Internet löst die Privatsphäre zunehmend auf. Die Schuld daran liegt nicht allein bei den Nutzern

Kurt Sagatz
Peter Schaar
Peter Schaar

Das Mädchen ist elf Jahre alt, ihre Familie hat afghanische Wurzeln. Wie alle Mädchen in diesem Alter hat sie Geheimnisse, die sie höchstens ihrem Tagebuch anvertraut. Da sie jedoch nicht sicher ist, dass ihre Aufzeichnungen zu Hause sicher sind, schreibt sie ihre Gedanken im Internet auf – passwortgeschützt und nur für sie erreichbar auf SchülerVZ, erzählte Uwe Hasebrink am Dienstagabend bei der Podiumsdiskussion „Lebe lieber digital – was bleibt im Netz privat?“ des Holtzbrinck-Veranstaltungsforums. Zwei Dinge will der Direktor des Hamburger Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung mit dem Beispiel zeigen: Wie sich der Umgang mit der Privatsphäre in einem permanenten Wechsel befindet. Und dass unter gewissen Umständen das Internet der sicherste Ort für ein Geheimnis sein kann – zumindest solange man dem Plattformbetreiber vertrauen kann.

Uwe Hasebrink saß am Dienstag zusammen mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar, dem Blogger Stefan Niggemeier und Jost Schwaner von der Online-Partneragentur Parship auf der Bühne des Berliner Museums für Kommunikation. Noch bis Mitte August kann man dort in der Ausstellung „Absolut privat“ erkunden, wie die Menschen „vom Tagebuch bis zum Weblog“ mit ihren intimsten Geheimnissen umgehen. „Unseren Begriff von Privatsphäre gibt es historisch gesehen erst seit ganz kurzer Zeit“, erinnert Hasebrink darum auch, „und die Vorstellung davon ändert sich ständig“.

Dass sich die Menschen in den Sozialen Netzwerken freiwillig outen, ist für Peter Schaar kein Grund, den Zweck seines Amtes infrage zu stellen. Ohnehin erfährt zum Beispiel ein Arbeitgeber per Internet Dinge über seine Beschäftigten, die er sich früher in keinem Bewerbungsgespräch zu fragen getraut hätte. Sich der Technik zu verweigern, sei keine Lösung, denn auch Personaler wissen: Wer bei Google nicht auftaucht, existiert nicht.

So sind es keineswegs allein die Nutzer, die durch ihr übergroßes Mitteilungs- und Selbstdarstellungsbedürfnis den Verlust der Privatsphäre zu verantworten hätten. „Alle Internetnutzer haben eine vage Vorstellung von den Gefahren des Internets, auch die Jungen oder die weniger Gebildeten“, sagte Parship-Manager Schwaner. Die eigentliche Gefahr für die Privatsphäre geht von anderer Seite aus, waren sich die Diskutanten einig, vor allem, wenn Daten ohne Wissen der Internetanwender gesammelt und über längere Zeiträume gespeichert werden.

„Gerade über die unsichtbaren Spuren, die man im Internet hinterlässt, sind sich viele nicht bewusst“, sagte Blogger Niggemeier. „Wofür muss Google bei einer Suchanfrage die IP-Adresse des Nutzers mitspeichern?“ fragte Peter Schaar und erinnerte daran, dass die Suchmaschine zudem noch über die auf den Privatcomputern gespeicherten Cookie-Dateien über zusätzliche Informationen verfügt, die für den eigentlichen Geschäftsbetrieb nicht benötigt würden. Dafür müsse es genauso Grenzen geben wie für die staatliche Sammelwut bei der Vorratsdatenspeicherung. „Da werden Daten auf Vorrat gesammelt, obwohl der Nutzer zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verdächtig ist“ – oder wie das 11-jährige Mädchen nicht einmal strafmündig. Kurt Sagatz

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