Polizeiruf-Rezension : Magdeburgs rechtsradikale Brühe

Um Neonazis kommt der neue Magdeburger Polizeiruf nicht herum und stürzt sich deshalb gleich im ersten Teil in das Thema. Komplexer, als es der platte Einstieg vermuten lässt.

Ariane Lemme
Zwei Suchende: Kommissar Jochen Drexler (Sylvester Groth) und die Tocher des Opfers (Nafy Kone).
Zwei Suchende: Kommissar Jochen Drexler (Sylvester Groth) und die Tocher des Opfers (Nafy Kone).Foto: ARD

Man, man, man. Da geht der neue Magdeburger Polizeiruf aber gleich in die Vollen: Ein Mord mit rassistischem Hintergrund, darunter braucht man in Sachsen-Anhalt  gar nicht anzufangen. Und es fängt wirklich düster an, ein paar junge Männer mit glänzenden schwarzen Masken jagen einen Schwarzen - und richten ihn hin.

Düster geht es weiter, wenn auch auf andere Art. In einer holzschnittartigen Szene ziehen Komissarin Doreen Brasch (Lederjacke, doppelter Vodka, alles klar?) und ihr Assistent Mauz (Mauz? Ja, Mauz. Einer muss neben dieser knallharten Biker-Braut ja das Mädchen sein) gerade ein seltsames Trinkspiel in einer Kneipe ab, als sie zur Leiche gerufen werden. Die liegt inzwischen nicht mehr auf dem einsamen Fabrikgelände aus der ersten Szene, sondern im Fitnessstudio von Victor Koslow (Merab Ninidze). Weil die Spurensicherung "noch in Reformen feststeckt", muss die tapfere Komissarin Brasch (Claudia Michelsen) selbst in den weißen Anzug steigen. Dass sie dabei weißes Pulver, ein illegales Anabolikum, beim Opfer findet, führt sie natürlich erst mal auf die falsche Spur: Alles klar, befinden Brasch und Mauz (Steve Windolf), ein Einbruch aus dem Drogenmilieu.

Dann aber will der um das Image der Stadt besorgte Oberbürgermeister "einen ausländerfeindlichen Hintergrund" ausschließen. Das will deshalb - wenn auch widerwillg - auch ihr Chef, "damit da Ruhe reinkommt, die elenden Spekulationen endlich aufhören." Die rechtsradikale Brühe kann der nämlich gerade echt nicht brauchen. Deshalb stellt er Brasch den spröden Kollegen Jochen Drexler (Sylvester Groth) zur Seite - der sich aber schnell als hartnäckiger Ermittler und die coolste Sau in diesem Team entpuppt. Er hat längst herausgefunden, dass der Tote erst vor halben einem Jahr als Asylbewerber aus Guinea nach Deutschland gekommen war - zusammen mit Frau und Tochter.

Also redet Drexler mit der Frau des Opfers, linkt ihren dubiosen Anwalt und zeigt in unbeobachteten Momenten schon mal Wärme und Menschlichkeit. Eine Wohltat nicht nur für das kleine halbverwaiste Mädchen, sondern auch für den Zuschauer, dessen Nerven von Braschs und Mauz' aufgesetzter Flapsigkeit bereits blankliegen. Und sich fragt, wer der Michelsen (zuletzt großartig in "Der Turm") diese bulligen Dialoge in die mit dem Holzbeitel behauene Rolle geschrieben hat (Christoph und Friedemann Fromm). Die haben weder sie noch der Polizeiruf nötig.

Der gewinnt dann aber gerade mit seinem völlig erwartbaren Thema. Er zeigt die Nazis in den Momenten, in denen sie am gefährlichsten sind - sprich: wenn sie nett sind. Wenn sie Stadtteilarbeit machen, Hinterhoffeste veranstalten. Politik studieren. Oder Fitnessstudios betreiben. Wenn sie nicht so einfach gestrickt sind, wie die Mehrheitsgesellschaft das gerne hätte. "Wir wollen nicht das System verändern, sondern die Menschen", sagt die junge hübsche Blondine, die mit den Kindern Judo trainiert. Das klingt weniger nach Ideologie als nach Ideal. Und die schwarzen Masken der Jäger aus der ersten Szene erinnern nicht zufällig an die weißen der "Unsterblichen", einer rechtsextremen Flashmob-Bewegung, initiiert von der 2012 verbotenen Widerstandsbewegung in Südbrandenburg. Und das ist wirklich gruselig.

Der Fall ist ebenfalls komplizierter, und das nicht nur wegen Braschs Verbindung zu Koslow. Warum der allerdings wieder als das übelste Klischee des schmierigen russischen Geschäftsmannes daherkommen muss, ist schade, so genau, wie es Friedemann Fromm, der auch Regie führte, mit anderen Details nimmt. Klar, Brasch ist eine, die Zeugen schon mal unter Druck sezt, man könnte auch sagen: erpresst. Eine, die ohne Durchsuchungsbeschluss eine verwanzte Wohnung hochnimmt. Den eigenen Sohn verprügelt. Doch anders als bei anderen Ermittlerteams hat sie mit Drexler einen leidenschaftlichen Hüter des Rechts an ihrer Seite. In Magdeburg diskutieren sie wenigstens, wenn sie beim Ermitteln das Gesetzbuch aus der Hand legen.

Lässt der Anfang noch einen klamaukigen Abklatsch des Münsteraner Tatorts befürchten, berappelt sich der Polizeiruf, reift über seine anderthalb Stunden zu einem Krimi, der ein paar gute Fragen stellt. Warum ist das System Polizei auf dem rechten Auge manchmal blind? Wie ist das so, wenn das eigene Kind rechtsextrem ist? Zu welchen faulen Kompromissen ist man bereit, um die zu schützen, die man liebt?

Ariane Lemme findet, dass es zu viele Hitler-Dokus und zu wenig Filme über den Rechtsextemismus der 2000er-Jahre im deutschen Fernsehen gibt.