Polizeiruf-Kritik : Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

Der neue Polizeiruf aus Rostock spinnt eine feine Story um die schöne, aber zerstörerische Kraft des Begehrens. Trotz der durchgeknallten Story spannend bis zum Schluss.

Ariane Lemme
Gerät bei den Ermittlungen diesmal selbst in Lebensgefahr: Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau.Alle Bilder anzeigen
Foto: ARD/Promo
12.01.2014 16:50Gerät bei den Ermittlungen diesmal selbst in Lebensgefahr: Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau.

Begehren zerreißt die Eingeweide, es wird zur Folter, wenn es nicht erwidert wird. Und wir reden hier nicht davon, dass jemand mal die Einladung auf einen Absacker ausschlägt. Das passiert selbst einer toughen LKA-Queen wie Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Im neuen Polizeiruf aus Rostock „Liebeswahn“ werden sie und ihr Kollege Sascha Bukow (Charly Hübner) im Morgengrauen zu einem brutalen Mord gerufen: Einem Lehrer wurde die Zunge herausgeschnitten, herausgefetzt, könnte man auch sagen.

Gleich in der ersten Szene wird der Zuschauer Zeuge, da sitzt dieser Mann, gefesselt, in einem tropfenden Keller, ein grausiges Eisengestell um den Mund gespannt. Er blutet, schreit, windet sich vor Schmerz, kann sich irgendwann befreien und schafft es doch nur noch bis zum nächsten Taxi. Auf den Anblick braucht König erst mal einen Schnaps – doch den muss sie alleine trinken, Bukow will nach der ersten Beweisaufnahme nur zurück ins Bett, heim zu seiner Frau.

Dabei spinnt sich das Begehren zwischen ihm und König wie ein sanft glimmender Goldfaden durch die Rostocker Polizeiruf-Folgen. Thomas Stiller (Buch und Regie) hat der Serie damit ein eigenes Gewicht gegeben, ganz unabhängig von der – ohnehin immer hohen – Qualität der Mordfälle. Bukows sanfte Brummigkeit und Königs immer etwas nachdenkliche Härte sind wie Butter und Brot. Unaufgeregt und doch zwingend ist da etwas zwischen den beiden. Und mal ehrlich: Wirklich gut läuft es sonst bei denen privat ja nicht. Bukows Frau weicht aus, entzieht sich, wie das in langen Ehen nun mal manchmal so ist.  Auch sie ist getrieben vom Begehren, nur eben nicht von dem nach ihrem Mann. Sie hat heute frei und beim Frühstück wartet sie ungeduldig, dass Sascha endlich das Haus verlässt.

Und so gerissen er als Bulle auch sein mag, so blind ist er für das, was seiner Frau fehlt. Er ahnt nicht einmal, was sie umtreibt, und dass sein Kollege Volker Thiesler (Josef Heynert) den Vormittag ebenfalls freigenommen hat, lässt nicht den geringsten Verdacht in Bukow aufkommen. Nicht einmal, als er seinen Sohn mit einem Asthma-Anfall aus der Schule abholen muss, weil seine Frau Vivien (Fanny Staffa) partout nicht erreichbar ist, wird er misstrauisch. Und ebenso naiv verfällt er dann selbst der schönen Ärztin mit dem devoten Augenaufschlag (Alma Leiberg), die sich in der Klinik um seinen Sohn kümmert.

Den Fall – wir erinnern uns, ein Mann ist zu Tode gefoltert worden – bringen die privaten Eskapaden erst einmal nicht voran. Doch wer kann schon dahinterstecken, wenn nicht Russenmafia oder SM-Szene? Für Letztere spricht, dass es vor Jahren in Hamburg, in der Swingerszene, einen ähnlichen Mord gab, dem ermittelnden Kommissar wurde der Fall entzogen, weil „die Wahrheit einigen nicht passte“, wie er sagt. Und eigentlich auch logisch, oder? Wer es härter liebt, ist quasi zu allem fähig. Oder?

Doch dann sind da diese Anrufe bei Bukow zu Hause. Hunderte Rosen, morgens vor seiner Tür verstreut, sind erst der scheinbar harmlose Anfang. Jemand dringt in sein Leben und das seiner Familie ein, langsam, unerbittlich und bedrohlich. Irgendwann ist das Gesicht seiner Frau aus dem Urlaubsfoto im Schlafzimmer geschnitten – und Bukow bekommt tatsächlich Angst. Irgendjemand ist näher dran an ihm, als er glaubt – und dieser jemand scheint selbst Bukows Verlangen nach Katrin König besser zu erkennen als er selbst. Doch erst als die in Lebensgefahr schwebt, erkennen die beiden, dass die basalsten Triebe noch immer die besten Mordmotive sind. Und endlich gelingt es den beiden, diesen leicht durchgeknallten, aber bis zuletzt spannenden Fall zu lösen.

Ariane Lemme lässt sich auch gerne mal von basalen Instinkten leiten - auch beim Krimi-Gucken. Die klassischen Grusel-Tricks in "Liebeswahn" haben bei ihr tatsächlich gewirkt.