Polizeiruf-Kritik : Sündenfall im Paradies

Der neue Münchner Polizeiruf wirft einen Blick ins Milieu der Latte-Macchiato-Eltern und die Hölle der Kleinfamilie. Böse und ein bisschen abgedreht, aber auf jeden Fall sehenswert.

Ariane Lemme
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Jeden Samstag online: Die Sonntagskrimi-Rezension auf pnn.deFoto: ARD

Für die Kinder ist es ein Paradies - für die Erwachsenen die Hölle: Der neue Münchner Polizeiruf "Kinderparadies" ist eine feine Satire auf das Milieu der Vollzeiteltern. Ein elitäres Kindergartenprojekt mitten in München-Schwabing. Jeder bringt sich ein, jede Woche treffen sich die Eltern - statt über echte Problem zu reden, singen sie bei diesen Treffen aber lieber Kinderlieder - um die Perspektive ihres Nachwuchses einzunehmen. Kinder zu haben ist hier ein Lebensentwurf - und der scheitert:  Etwas läuft scheinbar schief mit der perfekten Pädagogik. Der zweijährige Bruno beißt die anderen Kinder, die Eltern sind schon im Schnappatmungs-Stadium. Für Brunos Mutter Valeska Steier (Annika Kuhl), die Leiterin der Kita, ist das der Mutter-Alptraum schlechthin: Das eigene Kind nicht sozial kompatibel? 

Damit bricht der Sündenfall ins Paradies: Ella Werken (Lisa Wagner), eine der Kita-Mütter wird ermordet, ziemlich brutal. Gleich mehrfach ist ein Auto über sie gefahren, ihr zerbrochener Körper erzählt plastisch von der Wut des Mörders. Das Opfer ist ausgerechnet die Lebensgefährtin des Kita-Gründers Joachim Grand (Johannes Zeiler). Der hat Geld aber offenbar kein Glück in der Liebe: Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt)  findet schnell heraus, dass Ella ihn verlassen wollte. Denn während er in der Kita wirkt wie das größte unter den Kindern, Puppen bastelt und die Zweijährigen mit Shakespeares "Sommernachtstraum" unterhält, ist er zuhause gerne mal jähzornig.

Unter den Erziehern hingegen war Ella unbeliebt, eine dieser hyperkritischen Mütter, denen nichts gut genug ist für ihre Tochter Lara (Doris Marianne Müller). Leicht befremdet tastet sich von Meuffels durch dieses Milieu der Unglücklichen. Sagt wenig, bemerkt viel. Schafft es, was die Super-Eltern nicht schaffen: Mit dem halb-verwaisten Kind zu reden wie mit einem Menschen. Zwischen all den verstörten Eltern wirkt er wie der einzige Erwachsene. Für seinen feinen, trockenen Humor haben die keinen Sinn, aus diesem Gegensatz formen sich einige der schönste Szenen. Etwa, wenn von Meuffels dem kleinen Beißer Bruno zu guten Anwälten rät. So ein Biss, doziert er ohne mit der Wimper zu zucken, ist schließlich keine Kleinigkeit.


Den Sarkasmus lässt von Meuffels fallen, als er sich plötzlich um die halb verwaiste Lara kümmern muss. Der missgelaunte Kommissar und das Mädchen im roten Mantel stapfen eine Zeit gemeinsam durch das verschneite München. Viele Worte fallen nicht zwischen ihnen, ein paar Blicke reichen, dann ist klar: Diese beiden verstehen sich. Verwundert und verloren gucken die beiden auf die irre Welt der Eltern, diesen Menschen, die so unglücklich sind in ihren schicken Schwabinger Wohnungen, ihren Beziehungen zu sich und denen, die sie glauben zu lieben. Genau da ist der Münchner Polizeiruf mal wieder großes Kino.


Von Meuffels und Lara geht es nicht unbedingt besser als den Eltern. Sie haben beide gerade nicht viel Grund zu glauben, dass jemand sie liebt. Trotzdem entsteht zwischen ihnen eine Wärme, die allen anderen Beziehungen in diesem Polizeiruf fehlt. Sie sind das Auge im Sturm der Eitelkeiten, der um sie tobt.

Eigentlich hat das große Eltern-Bashing, die Kritik an den Latte-Macchiato-Müttern vom Prenzlauer Berg - und eben München Schwabing - seine Hochphase schon überschritten, eigentlich war mit dem Kurzgeschichtenband "Lassen sie mich durch, ich bin Mutter"  von Anja Maier alles dazu gesagt. Das macht den Polizeiruf aber nicht weniger aktuell: Regisseur Leander Haußmann wirft einen ziemlich bösen Blick auf die Enge der modernen bürgerlichen Kleinfamilie und die Kindererziehung im Zeitalter der unbegrenzten Fördermöglichkeiten. Daraus entsteht eine seiner gewohnt abgedrehten Stories, ein bisschen schrill, ein bisschen schräg, aber sehr unterhaltsam.

Ariane Lemme mag zwar Kinder sehr, bekommt aber Schnappatmung beim Gedanken an Elternversammlungen.