Polizeiruf-Kritik : Kein mystischer Ort

Wölfe, Kiefern, weite Landschaften: Rein ästhetisch ist der neue RBB-Polizeiruf ein Genuss, die Story trieft allerdings vor seltsamen Klischees.

Ariane Lemme
Olga Lenski (Maria Simon) recherchiert diesmalim Wolfsmilieu - hier zusammen mit Stefan Waldner (Fabian Hinrichs).
Olga Lenski (Maria Simon) recherchiert diesmalim Wolfsmilieu - hier zusammen mit Stefan Waldner (Fabian Hinrichs).Foto: ARD/rbb Promo

Zerklüfteter gelber Sandboden, so weit das Auge reicht. Weite, von feinen Linien zerrissen. Ein einsamer Wolf auf einem Hügel, hinter ihm geht die Sonne unter, ein einsamer Mann am Lagerfeuer, irgendwo da draußen unter dem Sommernachtshimmel. Würde nicht am Horizont der Qualm der Braunkohlekraftwerke in der Luft stehen, es könnte auch die mexikanische Wüste sein, oder ein anderer mystischer Ort. Es ist aber nur Brandenburg.

Deshalb ist auch die Geschichte, die hier spielt, keine mystische, keine von düsterer Schönheit, sondern eine verkrampft erzählte Story. So zumindest scheint die Logik von Rainer Butt und Ed Herzog (Buch/ Regie) zu funktionieren, den Machern des jüngsten RBB-Polizeirufs „Wolfsland“. „Landschaftlich isses ja schön, wenn nur die Leute nicht wären...“ - dieses dumme Klischee ist der Stoff, aus dem Butt und Herzog ihre Story stricken.

In Wahrheit spräche natürlich nichts dagegen, auch, ja gerade in Brandenburg eine finstere, gute Geschichte zu erzählen, mit klugen Protagonisten, mit Menschen, denen man ihr Drama tatsächlich abnimmt. Das Material dazu wäre ja da, nur scheint das beim RBB noch niemand mitbekommen zu haben.

Stattdessen - Schnitt – setzen sie ein seltsames Yuppie-Pärchen auf die Veranda einer Villa. Es ist derselbe mystische Nachthimmel, unter dem die Wölfe heulen, doch dem Zuschauer ist sofort klar, dass es mit der großen Erzählung vorbei ist, denn hier beginnt der deutsche Fernsehalltag: Er – Zu-Guttenberg-Gedächtnistolle, markiges Kinn - blickt grimmig in die Dunkelheit, in der die Wölfe heulen. Sie – scheuer Blick, Weißweinschorle – legt ihm zaghaft die Hand auf die Schulter. So stellt man sich in Brandenburg gemeinhin die westdeutsche Ehe vor, er schleppt massenhaft Kohle nach Hause, sie himmelt ihn an. Dass diese beiden gar nicht aus den alten Bundesländern sind, ist ein nettes Irritationsmoment, macht sie aber auch nicht glaubwürdiger.

Dann zerreißt ein Schuss die Stille, und der Polizeiruf hat seine erste Leiche: Es ist ein Wolf. Stefan Waldner (Fabian Hinrichs) hat den Schuss an seinem Lagerfeuer gehört und macht sich auf die Suche. Mit stoischer Wut trägt er das tote Tier dann bis in das kleine Dorf Kaskow, um es der dumm-arroganten Schlossherrin Elisabeth von Taupitz (Monika Lennartz) auf die Treppe zu legen. Die hat im Schloss ein Jagdhotel und ist von von den Wölfen so gar nicht amused. Das sind Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und ihr getreuer Gehilfe, Hauptmeister Krause (Horst Krause) ebenfalls nicht: Waldner hat sie hinzugerufen. Wegen Wolfsmord.

So werden die beiden immerhin Zeugen der offenen Feindschaft zwischen der Hexe von Taupitz und dem von der Landesregierung zum Wolfsmonitoring eingesetzten Waldner. Der ist in Kaskow geboren, mit 13 Jahren verschwand er, das wissen die meisten im Dorf noch. Jetzt ist er zurück, angeblich nur, um das neue Rudel in der Gegend zu beobachten, doch viele im Dorf vermuten etwas ganz anderes hinter seiner Rückkehr. Und dann haust der auch noch so abgelegen in einem alten Bauwagen, mitten zwischen gedrungenen Kiefern und sandigen Böden.

Dort hat sich auch Jule Sobowski (Isabel Bongard) pubertär-lasziv aufs Bett geräkelt, anders als ihre Eltern – richtig, das Yuppie-Pärchen – hat sie nicht nur ein Faible für Wölfe sondern auch für den jungen Wolfsbeobachter. Doch noch bevor er zurückkommt, wird auf den Bauwagen geschossen. Klar, dass der Anschlag Waldner galt, oder? Noch immer hat der Krimi zwar keine Leiche, aber immerhin einen Verdächtigen: Jule beschuldigt ihren Vater, es auf Waldner abgesehen zu haben.

Schließlich wird doch noch ein Mensch tot aufgefunden, es ist der Tierarzt des Dorfes, Ruben Stamm (Vincent Redetzki). Der hat für von Taupitz gearbeitet und am Abend zuvor noch ein konspiratives Gespräch mit Jules Vater (Alexander Beyer) geführt. Es ging um „alte Geschichten“. Und welche könnten das in Brandenburg wohl sein, wenn man einen derart klischeehaften Blick auf das Land hat? Na?

Ariane Lemme, aus München zugezogen, liebt Brandenburg sehr – nicht nur wegen der schönen Landschaft. So holzschnittartige Charaktere wie in diesem Polizeiruf sind ihr allerdings noch nie begegnet.