Polizeiruf-Kritik : 17 Hippies

Der neue Potsdamer Polizeiruf "Käfer und Prinzessin" versteckt unter seiner teilweise lustlos erzählten Story ein paar kluge Gedanken - und glänzt mit Fritzi Haberlandt in einer Gastrolle.

Ariane Lemme
Gefühl und Verstand: Maria Simon und Fritzi Haberlandt in "Käfer und Prinzessin".
Gefühl und Verstand: Maria Simon und Fritzi Haberlandt in "Käfer und Prinzessin".Foto: rbb/Oliver Feist

Das Paradies ist in Brandenburg mal  wieder keines. Das ist ja überhaupt das Problem des Potsdamer Polizeirufes – der immer überall in Brandenburg spielt, nur nie in Potsdam: Dass er sein Sujet nicht so recht leiden kann. Dabei kann Brandenburg so schön sein. Das haben sich in "Käfer und Prinzessin" (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) auch ein paar überspannte Großstädter und angenehm Unangepasste gedacht, und einen Landhof irgendwo in der Pampa gegründet. Bio-Landbau und so. Doch über der kleinen Kommune liegt eine schwere Traurigkeit. Die siebzehn Hippies, die dort leben, sehen bei der Apfelernte zwar aus wie ein Werbespot für gestresste, abgegessene Berliner die sich zurück zur Natur sehnen. Aber schon da gärt es unter der Oberfläche der Gemeinschaft.

Als dann einer von ihnen – Martin – erst nicht zum Plenum erscheint und dann am nächsten Morgen erschlagen in der Jauchegrube gefunden wird, beginnt auch diese Oberfläche langsam zu zerfallen

Olga Lenski (Maria Simon) muss also ermitteln – und trifft in Ruth (Fritzi Haberlandt), der Freundin des Opfers, erst einmal ihre Freundin aus dem Buddelkasten wieder. „Du hast dich überhaupt nicht verändert“, sagt Ruth zu Olga – und es klingt wie ein Vorwurf. Nach dem Abi machte die eine Karriere – die andere ging nach Indien. Verstand und Gefühl stehen sich da jetzt gegenüber, eine pragmatische Zupackerin gegen eine hoffnungslose Idealistin. Am Ende sind ihre Erwartungen ans Leben natürlich gar nicht so verschieden – nur die Strategien, die sie wählen, um ans Ziel zu kommen.

Aber klar - wer träumt, statt zu handeln, den trifft das Schicksal meistens härter. Zumindest scheint es so: Ruth ist neben Lenski wieder die Bedürftige, wie damals in der Mathe-Klausur, als sie bei Lenski abschreiben durfte. Andererseits bekommt Ruth ein paar Dinge auf die Reihe, die Lenski ordentlich vermasselt, das Zusammenleben mit dem Vater ihres Kindes etwa. Beide, Lenski und Ruth haben sich von den Vätern ihrer Kinder getrennt, aber während Lenski ihren Ex (Andreas Pietschmann) auf Abstand hält, lebten Ruth, Martin und Paul (Fabian Busch) ganz gut zusammen auf dem Hof.

So etwas kann nicht gut gehen, findet Lenski, und irgendein Motiv muss ja schließlich her. Und mit Eifersucht liegt man gar nicht so selten daneben. Dann aber finden Lenski und ihr treuer Hund – äh, Verzeihung – Kollege Horst Krause (Horst Krause) heraus, dass die schönen Bio-Böden der Kommune kontaminiert sind. Altlasten einer früheren Lackfabrik. Für die Kommune ist es der Super-Gau, unter dem Bio-Label können sie ihre Produkte nicht mehr verkaufen.

Bei der Gemeinde sieht man das gelassener: Verseucht, stöhnt die Baustadträtin (Sabine Vitua) ist relativ. „Sterben tut davon keiner“. Außerdem ist man dort eh bereit, den Hippies ein Gemeindegrundstück als Ersatz anzubieten – zu extrem günstigen Konditionen. Nicht ganz ohne Hintergedanken freilich – es gibt schon eine Firma, die auf das Geländer der Kommune spekuliert – und die eine Menge neuer Arbeitsplätze schaffen würde. Genauer gesagt: Ein Golfhotel.

Von da an ist der Polizeiruf  (Buch: Clemens Murath, Regie: Robert Thalheim) ganz in Brandenburg angekommen – trotz tiefmelancholischem US-Folk-Soundtrack. Denn jetzt ist klar: Es geht um Bau-Schiebereien, oder wie Lenski am Ende ernüchtert feststellt: „Ums Geld.“ Das Ganze wird dann ziemlich lustlos zu Ende erzählt – obwohl die darunterliegende Nachricht eine feine ist: Am Ende sind es doch nie die Umstände, die Politik, die Verhältnisse die alles kaputt machen. sondern nur die Menschen selbst.

Ariane Lemme konnte sich noch nie ganz für eine Strategie - Verstand oder Gefühl - entscheiden und gibt diesem Polizeiruf deshalb trotz des vorhersehbaren Endes einen Extra-Punkt.