Polizeiruf-110-Kritik : Ultra-Ehre

Der Rostocker Polizeiruf 110 "Einer für alle, alle für Rostock" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) wirft einen fast romantischen Blick auf die Ultra-Szene. Gelungen.

Oliver Dietrich

"Saufen und Fußball", das sei das Leben des Rostocker Zahnarztes, sagt seine Sprechstundenhilfe. "Und manchmal auch andersrum." Jetzt ist er jedoch tot: Jemand hat ihm am Rande einer friedlichen Prügelei mit Hamburger Ultras vor einen LKW gestoßen, krasses Ende eines wilden Lebens. Und in dieses wilde Leben tauchen die Ermittler Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) direkt ein - und entdecken die romantische Seite des Fußballwahnsinns. Und ein bisschen Romantik kommt beiden gerade recht: Frau König hat noch mit den traumatischen Spätfolgen des letzten Falles zu kämpfen, in dem sie gerade so einer Vergewaltigung entkam; und jetzt noch den Bericht liefern muss. Bukow dagegen stößt wieder mit Kollege Thiesler (Josef Heynert) zusammen, der gerade bei dessen Noch-Frau eingezogen ist. Viel Adrenalin also, das sich mit den Nebelschwaden der Bengalos vermischen wird. 

Worum geht's?

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und für die Fußballleidenschaft schlägt man sich auch allzu gern die Köppe ein - aber bitteschön alles im Rahmen: Wer am Boden liegt, darf nicht mehr getreten werden, und wenn die Bullen kommen, halten alle das Maul: Ultra-Ehre ist das. Das klappt allerdings nicht immer: Vor sieben Jahren geriet Polizist Kaschau in so eine Gewaltorgie, jetzt sitzt er komatös im Rollstuhl und kann nur noch die Wand anstarren - eine deutliche Parallele zum Fall Daniel Nivel, klar. In den Knast ging nur einer, und der wurde verpfiffen: Nun ist Stefan Momke (Lasse Myhr) wieder draußen, und der hat auch noch was zu regeln. Mit seiner Ex Doreen Timmermann (Lana Cooper, "Love Steaks") etwa, die damals mutmaßlich von "Momme" schwanger war und jetzt eine neue Beziehung führt. Aber auch mit den Ultras der "Red Rostocks", deren Anführer er mal war. Das geht natürlich schlecht, wenn man lebenslanges Stadionverbot hat. 

Worum es wirklich geht

Um Loyalität, um Zusammenhalt - und das auf allen Seiten. Im Team kriselt es, weil König fast den Job hinwirft und Bukow permanent zu tief ins Glas schaut. Und auf der anderen Seite findet Momke nach so langen Jahren Knast sein Leben verändert vor: Wenn er schon allein für alles geradestand, ist das Leben ihm doch noch was schuldig. Oder nicht? Manche Sachen kann man eben weder ungeschehen machen noch konsequent vergessen. Aber wenn man sich bemüht, dann wird alles so wie früher. Vielleicht. 

Sollte man den Polizeiruf sehen?

Ja, unbedingt. Gerade der Rostocker Polizeiruf 110 ist sowieso unerreicht, und diese Folge wird den Abstand weiter zementieren. Das liegt zum einen an den guten Schauspielern, welche die Rostocker Folgen so intensivieren. Zum anderen aber auch am Drehbuch von Wolfgang Stauch: Der hat eine Vorliebe für die gescheiterten Randexistenzen, ob für pubertätsgeplagte Gören in Stuttgart oder mit dem überraschend zynischen Obdachlosen-Fall aus Konstanz - wobei er dem Team zu einem seiner seltenen Glanzpunkte verhalf. Dass der Film die Ultra-Bewegung munter mit Hooligans vermischt, tut gar nichts zur Sache: Die ritualisierte Fußballwelt dient hier lediglich als Kulisse für eine tragische Geschichte, die völlig auf nerviges Moralisieren verzichtet. Vielleicht wurde auch deshalb explizit verzichtet, laut und deutlich "Hansa Rostock" auf die Fahnen zu schreiben. Aber wir wissen ja ohnehin, wer gemeint ist.