Polizeiruf-110-Kritik : Pseudologia phantastica

Im Magdeburger Polizeiruf 110 "Dünnes Eis" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) geht es um eine rätselhafte Entführung. Ein spannender Film, den Krimi-Puristen lieben werden.

Oliver Dietrich

100.000 Euro, das ist eine Menge Kies für eine Altenpflegerin. So viel soll Anja Peelitz (Christina Große) jedoch lockermachen, wenn sie ihre einzige Tochter Kim (Lucie Hollmann) lebend wiedersehen will. Die wurde nämlich entführt: Keine Polizei, fleht Kim. Und trotzdem werden die Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) eingeschaltet. Dabei stellt sich schnell heraus, dass Anja Peelitz die Hunderttausend sogar auf Tasche hat: Sie habe nämlich geerbt, erklärt sie. Das dürfe aber niemand wissen. Irgendwie weiß es aber jeder. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Und der wird spannend und passabel in Szene gesetzt: Das Drehbuch stammt nämlich von Anika Wangard - und Eoin Moore. Und der Ire Moore ist bekanntlich der Headautor für den Rostocker Polizeiruf 110 um Bukow & König. Der war ja schon immer etwas Besonderes, gerade erzähltechnisch. 

Worum geht's?

Um die schwierige Polizeiarbeit in einem Entführungsfall. Denn die Polizei muss dabei im Hintergrund ermitteln, um den Fahndungserfolg nicht zu gefährden. Das geht ja meistens schief, das wissen wir ja von anderen Krimis. Wie will man jedoch unterm Radar bleiben, wenn die Entführer offenbar aus dem Bekanntenkreis stammen? Darauf deutet jedenfalls einiges hin. Nebenbei gibt es ja noch ein zweites Leben für Komissarin Brasch nach dem Ausstieg des Kollegen Drexler (Sylvester Groth). Das schien ja keine leichte Sache zu werden: Erstaunlich, wie stabil und ausgereift sich die Figur Brasch jetzt präsentieren darf. Einen Pluspunkt gibt es aber auch für Kollege Dirk Köhler: Den spielt Matthias Matschke nämlich mit beeindruckender Intensität. Magdeburg, das wird noch was mit uns!

Worum es wirklich geht

Pseudologia phantastica - der notorische Zwang zum Lügen. Denn was Anja Peelitz erzählt, ist von vorn bis hinten erstunken und erlogen, das stellt sich schnell heraus. Der tragische Verkehrsunfall im Italien-Urlaub, bei dem Kims Vater ums Leben kam? Nie stattgefunden, der lebt in Australien. 100.000 Euro von der Mutter geerbt? Quatsch, kein Cent ist im Haus. Kein Wunder, dass alle vor ihr weglaufen. Blöd nur, dass Köhler ihren Geschichten voll auf den Leim geht - und damit die ganze Mission gefährdet. Irgendwann landet nämlich eine Kiste mit dem abgeschnittenen Finger Kims bei ihrer Mutter. 

Sollte man den Polizeiruf 110 gucken?

Auf jeden Fall! Nachdem der Magdeburger Polizeiruf ja immer so vor sich hinschwächelte, hat er jetzt offenbar in die Spur gefunden. Der Fall folgt dem klassischen Whodunit-Schema, mit hervorragend inszenierten dramturgischen Wendungen (Regie: Jochen Alexander Freydank), bei denen nach jeder Szene die Überraschung lauert - da kommt Freude auf. Krimi-Puristen, die ja derzeit sonntagabends hart gebeutelt werden, wird dieser Krimi vor Freude vom Sofa hüpfen lassen. Und wir freuen uns unterdessen schon auf den nächsten Polizeiruf aus Magdeburg. Gut gemacht!