Polizeiruf-110-Kritik : Mutti macht das schon

Der deutsch-polnische Polizeiruf 110 "Muttertag" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) erzählt eine intensive Geschichte über die Grenzen der Mutterliebe.

Oliver Dietrich

Das hat aber auch wirklich lange gedauert: Nachdem der Brandenburger Polizeiruf um die Kommissarin Olga Lenski ins polnische Grenzgebiet verlagert wurde, hatte er immer noch mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen - zu sehr nagte der provinzielle Mief an ihm, den er noch von Zeiten mit dem Dorfbullen Krause herumschleppte. Da brachte auch Lukas Gregorowicz als polnischer Kommissar Raczek noch keine wirkliche Ablösung. Diesmal ließm man Profis ran: Der irische Regisseur Eoin Moore, der auch den ungeschlagenen Rostocker Polizeiruf 110 erfand, schrieb für "Muttertag" gemeinsam mit Anika Wangard das Drehbuch und inszenierte den Film auch. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Eine intensive Geschichte mit hervorragend gespielten Charakteren. Da bleibt kein Wunsch offen.

Worum geht's?

In einem Wald im deutsch-polnischen Grenzgebiet wird die Leiche eines Polen gefunden, erschlagen, mitten in einem mystischen Gebiet, das als nächtliche Anlaufstelle für Paare bekant ist - und offenbar war er auch nicht allein. Die Spur führt in ein uckermärkisches Dorf, wo der Tote eine Affäre mit einer Sabrina hatte - die jedoch verschwunden ist. Raczek und Olga Lenski (Maria Simon) stoßen auf eine Erpressung, aber auch auf die üblichen Vorurteile von stehlenden Polen und schwindender Landbevölkerung. Die Hinweise verdichten sich auf Enrico Schoppe (Anton Spieker), der mit seiner Mutter in dem Dorf lebt - von den Bewohnern wird er gemieden, zu Sabrina hatte er dennoch ein freundschaftliches Verhältnis. Mehr ist aus ihm jedoch nicht herauszukriegen - bleiben nur noch die Indizien.

Worum es wirklich geht

Darum, dass Mutterliebe sehr dehbar ist und bisweilen lange braucht, um an ihre Grenzen zu stoßen. Das fängt schon bei Lenski an, die keine andere Möglichkeit hat, als ihre kleine Tochter mit auf Arbeit zu schleppen - zum Frust ihrer Kollegen. Überhaupt: Soll sie ihren Antrag verlängern und in Polen bleiben, oder lieber zurück in die Sicherheit nach Potsdam, wo Freunde und Familie sind? Diese Frage stellt sich Enricos Mutter Heidi gar nicht: Die schuftet sich ab, um sich und den Jungen durchzukriegen, der ihr Ein und Alles ist. Aber es läuft eben nicht so, Arbeit gibt es für ihn nicht, und außerdem zeigt schon das ganze Dorf auf den schrägen Jungen, der nicht so leicht zu steuern ist. Dass er jetzt auch noch einen Mord begangen haben soll, ist für seine Mutter ein Fiasko: Das ganze Dorf redet ja schon. Doch dann findet sie tatsächlich Sabrinas Leiche im Schuppen.

Sollte man den Polizeiruf 110 sehen?

Aber ja, auf keinen Fall verpassen! Die uckermärkische Trostlosigkeit ist so wunderbar in Szene gesetzt, dass die Glaubwürdigkeit regelrecht erdrückend ist. Beeindruckend ist auch Anton Spieker (der 2014 als Gast im Hans Otto Theater zu sehen war): Die Zerrissenheit des Charakters wird förmlich von ihm getragen, dabei bewahrt er sich eine beeindruckende Authentizität. Und pünktlich zum Muttertag dürfen hier auch mal die Mütter im Vordergrund stehen - mit all ihren Fehlern und Nöten. Gleichzeitig gelingt es dem Brandenburger Polieziruf, rasant an Fahrt aufzunehmen: Wir wollen natürlich jetzt wissen, wie es mit Raczek und Lenski weitergeht.