Polizeiruf-110-Kritik : Einer flog über das Kuckucksnest

Der Münchner Polizeiruf 110 "Nachtdienst" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist ein gelungener Film Noir über die Endstation Pflegeheim. Sehenswert!

Oliver Dietrich

Der Polizeiruf 110 ist der bessere Tatort, das wissen wir schon lange - ganz besonders wegen der kraftvollen Rostocker Folgen und der subtilen Filme aus München. Nach dem großartigen, verstörendem Paranoia-Krimi "Sumpfgebiete" erwartet uns nun ein neuer Fall um den columboseken Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt): In "Nachtdienst" landet er in einem Pflegeheim, in dem offenbar ein Mord geschehen ist. So ganz sicher ist das jedoch nicht: Weder die Insassen noch die Pfleger helfen bei den Ermittlungen. Eigentlich ein verlorener Fall, der nur durch die Hartnäckigkeit des Ermittlers aufrecht erhalten wird: In einer Nacht reiht sich eine subtile Szene an die andere, die drohende Katastrophe deutet sich jedoch gleich zu Anfang an. Ein Film mit einem enormen body count, aber einem gesellschaftlichen Auftrag. Gruselig!

Worum geht's?

Ah, endlich mal eine durchziehen! Meuffels steht nachts vorm Münchner Präsidium und saugt an seiner Kippe, die Ermittlungen sind beendet, es ist mal wieder spät geworden. Da hält ein Taxi: Daraus steigt eine verwirrte Alte im Morgenrock, gefolgt vom Taxifahrer, dem sie Falschgeld angedreht hat: "Da war alles voller Blut und der Mann war tot!", schnappt sie. Meuffels nimmt sich ihrer an - und will sie nach Hause bringen. Das alles scheint wie der Beginn einer seltsamen Freundschaft: "Männer wie Sie gibt es nicht mehr viele, Herr Kommissar!", schmachtet sie an seinem Arm, während der Fahrt durch die Nacht hören sie Jazz. Und dennoch: Elisabeth Strauß (Elisabeth Schwarz) leidet an vaskulärer Demenz, ihre Hochzeite in einer Parfümerie sind längst vorbei, ihre Tochter ersäuft die Sorgen in Rotwein, letzte Station Pflegeheim. Dort gibt es tatsächlich einen Toten: Insasse Urban sei gestürzt, heißt es dort, der Arzt kommt morgen, dann gibt es auch den Totenschein. So richtig will Meuffels nicht an einen Unfall glauben und quartiert sich die Nacht ein. Am nächsten Morgen wird alles anders sein.

Worum es wirklich geht

Um den Pflegenotstand, die eine Endstation der Angehörigen nun mal mit sich bringt. Drei Pfleger sind in dieser Nacht im Dienst, und alle haben schwer zu kämpfen: Der diensthabende Leiter Kroll (Philipp Moog) glaubt daran, alles mit guten Worten regeln zu können und ist längst daran gescheitert. Marija Abramovic (Marina Galic) flüchtet sich in die Verantwortung der Arbeit, damit sie nicht nach Hause muss - und nimmt ihren kleinen Sohn gleich mit auf Arbeit. Und Tscharlie Meyer (Florian Karlheim) hat den Job auch nur, weil er das ganze Leben seine Mutter gepflegt hat. Eine Nacht, die doch stellvertretend für ein ganzes Lebensende steht - wobei hier mehr gestorben als gelebt wird.Dass Demente noch ernst genommen werden, ist ausgeschlossen: "Der Frontallappen is a Brokkoli", knurrt Meyer über den Zustand von Frau Strauß. Einzig vernünftig scheint nur noch Claus Grübner (Ernst Jacobi), der als Grabenkämpfer gegen die miserablen Bedingungen zu Felde zieht. Und irgendwann kapituliert.

Sollte man den Tatort sehen?

Ja, unbedingt! Die Düsternis der Münchner Polizeiruf-Folgen kommen hier wieder besonders zur Geltung (Regie: Rainer Kaufmann), und das liegt nicht nur daran, dass der Film, der manchmal wie eine Hommage an den Klassiker "Einer flog über das Kuckucksnest" wirkt, in einer einzigen Nacht spielt. Und immer surrealer wird: Höhepunkt ist sicherlich die Szene, in der sich Kommissar Meuffels selbst als Heimbewohner begegnet und sich anzischt: "Arschloch!" Den letzten Schliff bekommt das Ganze durch die bisweilen wacklige Handkamera (Klaus Eichhammer), die dem Film fast etwas Paradokumentarisches verleiht. Bestimmt eine gute Nachricht, dass die ARD im Mai gleich drei Polizeiruf-110-Folgen zeigt: Nächsten Sonntag ist Brandenburg dran, bevor am 28. Mai dann der Rostocker Hooligan-Krimi kommt.