Netzwelt : Öffentlich-Rechtlich gewinnt

Fernsehpreis: ARD und ZDF dominieren, Tagesspiegel-Autor für Reportage gekürt

Joachim Huber
Große Freude. Árpád Bondy (vorne) und Harald Schumann, Autoren der Reportage „Staatsgeheimnis Bankenrettung“, feiern ihren Preis.
Große Freude. Árpád Bondy (vorne) und Harald Schumann, Autoren der Reportage „Staatsgeheimnis Bankenrettung“, feiern ihren Preis.Foto: Willi Weber/Sat1

„Staatsgeheimnis Bankenrettung“ hat beim Deutschen Fernsehpreis als „Beste Reportage“ gewonnen. Der 55-MinutenFilm von Árpád Bondy und Tagesspiegel-Autor Harald Schumann ist eine umfassende wie vielschichtige Analyse, wer von den milliardenschweren Hilfsprogrammen zur Euro-Rettung tatsächlich profitiert. Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, der den Film zusammen mit Arte produziert hat, sagte zur Preisvergabe: „Geld fließt am liebsten unbeobachtet. Den schweigsamen Milliardenmaklern entwindet diese großartige Reportage wichtiges Wissen über die Euro-Krise – zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger.“

Die 15. Austragung des Deutschen Fernsehpreises gehorchte ansonsten einer einfachen Regel. Vier Sender jagen ein Jahr lang den Trophäen nach, und am Ende gewinnen immer ARD und ZDF. 2013 haben die öffentlich-rechtlichen Sender 17 der 18 Preise gewonnen, zehn die ARD, sieben das ZDF. Nur in der Kategorie „Beste Unterhaltungssendung Show“ lag das Privatfernsehen mit der Pro-Sieben-Tanzperformance „Got to dance“ vorne. Obwohl diese Auszeichnung von ARD, Pro Sieben Sat 1, RTL und ZDF getragen wird und deswegen neben der Jurymeinung auch Senderinteressen die Vergabe mitbestimmen, konnte das kommerzielle TV-System nichts reißen. Mögen RTL & Co. auch nicht in einer tiefen Akzeptanzkrise stecken, Ideenarmut und Risikovermeidungsfernsehen sind offensichtlich. Wenn selbst in der Königsdisziplin des Privatfernsehens, der „Besten Comedy“, ZDFneo mit „Götter wie wir“ gewinnt ...

Mit der Schwächephase der Privaten korrespondiert die Stärke der Öffentlich-Rechtlichen. In den Format-Kategorien des Preises triumphierte Fernsehen, das bewegt, das es ernst meint, das von gesellschaftlicher Relevanz zeugt. Als „Bester Mehrteiler“ ausgezeichnet wurde bei der Preisverleihung am Dienstagabend in Köln „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF), eine stupende Aktualisierung von allgemeiner Schuld und individueller Sühne der Deutschen in Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg. „Operation Zucker“, prämiert als „Bester Fernsehfilm“, behandelt Kinderhandel und Kinderprostitution, der Preis für das „auslandsjournal XXL: Brasilien“ („Beste Informationssendung“) steht für aufgefrischte Kontinuität eines klassischen Korrespondentenmagazins.

Die Jury traf auch diskussionswürdige Entscheidungen, so für „Auf der Flucht – Das Experiment“ in der Kategorie „Bestes Dokutainment“. In der ZDFneo-Produktion wollten sich sechs Deutsche in die Situation von Flüchtlingen einfühlen, indem sie deren Fluchtwege nachverfolgten. Hilfsorganisationen hatten dies unter anderem als „zynische Dokusoap“ kritisiert, die Jury ließ sich zu dem Lob hinreißen, das Format wecke „bei den Zuschauern Aufmerksamkeit für eines der wichtigsten Themen unserer Zeit“.

Der Preis für die „Beste Schauspielerin“ ging an Susanne Wolff für ihre Darstellung der Ehefrau eines Mobbingopfers in dem ARD-Film „Mobbing“. „Bester Schauspieler“ wurde Matthias Brandt, der 51-Jährige erhielt die Auszeichnung für seine Leistungen im Münchner „Polizeiruf 110“, in den Filmen „Eine mörderische Entscheidung“ und „Verratene Freunde“. Brandt setzte sich gegen die Kollegen Robert Atzorn, Volker Bruch, Tom Schilling, Lars Eidinger und Jan Josef Liefers durch. Brandt sagte, er nehme „einen Preis entgegen, den es eigentlich nicht gibt. In der Reihe dieser Nominierten schon gar nicht.“ Aber Brandt ist halt gerade meistgefragt und meistens brillant. Gerade als „Polizeiruf“-Kommissar Hans von Meuffels zeigt der Schauspieler, was seine Kunst ist: die prägnante, riskante Neuerfindung einer Polizistenfigur von Fall zu Fall.

Im steten Reigen der vier Preis-Sender war dieses Mal Sat 1 mit dem Ausrichten dran. Gäste der Veranstaltung berichteten von einer glanzlosen Gala, schier espritfrei moderiert von Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher. Gerade so, als wollte Sat 1 das Tief des Privatfernsehens vor aller Augen und Ohren bringen.

Unentschieden blieben die Meinungen über den Auftritt von Ottfried Fischer, der für sein Lebenswerk geehrt wurde. Der 59-jährige Kabarettist und Schauspieler startete seine Danksagung mit den Worten „Ich nehme diesen Preis nicht an“. Eine Millisekunde vereinzeltes Erschrecken, aber so richtig wollte die Pointe nicht zünden; sie wurde als Zitat erkannt, als eine Hommage an den verstorbenen Literaturkritiker Marcel ReichRanicki, der 2008 mit diesen Worten den Ehrenpreis abgelehnt hatte. „Mir geht’s gut“, sagte Fischer, der vor fünf Jahren seine Parkinson-Erkrankung publik gemacht hatte, nach der Gala. Er werde ein neues Bühnenprogramm machen, auch sei eine neue Kabarettsendung geplant.

Alle Preisträger im Überblick: www.deutscher-fernsehpreis.de

„Der Deutsche Fernsehpreis“, Sat 1, Freitag, 22 Uhr 15