Netzwelt : Konter aus Kreuzberg

„Rassismus“ werfen nicht nur Leser der „taz“ vor. Chefredakteurin Pohl verteidigt die Fragen an Rösler

Sonja Álvarez
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Es sollte ein Coup werden, ein Aufschrei aus Kreuzberg. Doch nun muss sich die „tageszeitung“ („taz“) selbst wehren gegen einen Protest, der so heftig wie wohl lange nicht mehr auf sie niedergeht. Ausgerechnet die linke Zeitung mit Sitz in Kreuzberg sieht sich plötzlich mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert.

„Wie im ,Stürmer‘“ schimpften einige Leser im „taz“-Blog gegen das Interview mit Philipp Rösler (FDP), das die „taz“ am Dienstag veröffentlichte – nur die Fragen, die Antworten hatte Rösler nach dem Gespräch nicht autorisiert, weil die Interviewerinnen einen „falschen Schwerpunkt“ gesetzt und „an rassistische Ressentiments“ gerührt hätten, wie FDP-Sprecher Peter Blechschmidt sagte. Chefredakteurin Ines Pohl nannte die Nicht-Autorisierung dagegen einen „Bruch der Spielregeln“ und druckte das Gespräch aus Protest – doch statt Röslers verweigerter Antworten steht jetzt die „taz“ mit ihren Fragen im Mittelpunkt.

„Wir haben nach rassistischen Ressentiments gefragt, die auch innerhalb der FDP existieren. Das ist journalistisches Handwerk“, verteidigte Pohl in der Ausgabe am Mittwoch das Interview.

Welche Erfahrungen er damit gemacht habe, dass andere Probleme mit seinem „asiatischen Aussehen haben“, wollten die Interviewerinnen von Rösler wissen, es ging darum, dass er häufig als „der Chinese“ bezeichnet werde, wann er „bewusst wahrgenommen“ habe, dass er „anders aussehe als die meisten Kinder in Deutschland“.

Die Fragen hätten darauf abgezielt, „wie Rösler im Wahlkampf mit Rassismus umgeht – etwa mit Hassmails“, sagt Pohl. Der Vorwurf, dass in der zur Freigabe vorgelegten Form ein falscher Schwerpunkt gesetzt worden sei, treffe nicht zu. 20 Minuten sei in dem Gespräch am 20. August mit Rösler über Rassismus geredet worden, gut 25 Minuten über andere Themen. Die FDP-Pressestelle habe angeboten, dass die „taz“ ein Interview mit Fragen zur FDP-Programmatik veröffentlichen und „maximal eine Frage“ zu Rassismus veröffentlichen könne.

„Falls es Usus wird, dass Politiker nicht nur einzelne Aussagen in Interviews abschwächen, sondern künftig bei Missfallen komplette Interviews sperren, schränkt dies die Möglichkeit eines kritischen Journalismus über die Maßen ein“, schreibt Pohl.

Dennoch geht die „taz“ offensiv mit der Kritik um. Sie veröffentlichte am Mittwoch auch ein Gespräch mit Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung, der das Gespräch ebenfalls kritisierte. „Unverschämt“ seien die Fragen an Rösler gewesen: „Leute, die von Rassismus betroffen sind, muss man nicht weiter damit quälen.“ An Röslers Stelle wäre er aus dem Interview rausgegangen.

Auch in der Redaktion ist das Interview umstritten. Als „unangenehm“ bezeichnen Redakteure die Fragen. Die „taz“ habe mit der Veröffentlichung ein peinliches „Eigentor“ geschossen. Auch bei der Genossenschaftsversammlung am kommenden Samstag dürfte das Interview Thema sein. Abo-Kündigungen hat es wegen des Interviews allerdings noch nicht gegeben, sagte „taz“-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch. Sonja Álvarez