• GLOSSAR: Die unerträgliche Leichtigkeit der Wallungen Unerbittlicher Hass, überbordendes Mitgefühl –

GLOSSAR : Die unerträgliche Leichtigkeit der Wallungen Unerbittlicher Hass, überbordendes Mitgefühl –

durchs Internet wabern große Gefühle. So unterschiedlich sie auch sind, sie folgen dem gleichen Prinzip

Astrid Herbold

Gestern wieder maximal ergriffen vor dem Bildschirm gesessen. Tränchen verdrückt, rasch weggewischt, damit die Bürokollegin am Tisch gegenüber nichts merkt. Grund war der Blog einer Lehrerin, die Kinder in einer Psychiatrie unterrichtet. Auf ihrer Website schreibt sie unter dem Pseudonym „HilliKnixibix“ einfühlsam und verständnisvoll über den Alltag mit ihren Schülern. Viele von ihnen haben schwere Schicksale hinter sich, wurden misshandelt, missbraucht, haben versucht, sich das Leben zu nehmen, oder sind massiv verhaltensauffällig. Unter den Texten von „Hilliknixibix“ stehen oft Leserkommentare, die meisten zeugen von tiefer Betroffenheit: Hatte Gänsehaut. Musste weinen. Alles Gute dir und den Kindern. Wünsche euch viel Kraft.

Das Internet ist empathiefähig, und zwar vermutlich mehr als jedes andere Massenmedium. Wer das nicht glaubt, der soll sich einen Nachmittag lang auf Foren für Schwangere, Kranke, Einsame, Depressive oder Trauernde herumtreiben. Der soll die herzerweichenden Einträge über Schmerz und Leid auf hunderten privater Blogs lesen, der soll die Kommentare auf sich wirken lassen, in denen wildfremde Menschen einander Trost zusprechen. Es gibt eine blühende Kultur des Mitgefühls im Netz. Und eine blühende Kultur der emotionalen Selbstentblößung.

Nicht immer sind diese Texte so literarisch verdichtet wie bei Wolfgang Herrndorf, dessen Blog gerade posthum als Buch erschienen ist. Und nicht immer sind die Themen so anschluss- und konsensfähig wie auf der Webseite von „Hilliknixibix“. Manchmal schreiben Betroffene auch nur für kleine Peergroups. Für andere, die mit ähnlichen Problemen hadern. Das kann von gefühlter Hochbegabung bis zu furchtsamer Sozialphobie, von heimlichen Essstörungen bis offensichtlichen Erziehungsnöten alles sein. Die Chancen, eine verständnisvolle Leserschaft für egal welches persönliche Leidensthema zu finden, stehen jedenfalls nicht schlecht.

Vielleicht ist das der Grund für den Boom der schonungslosen Selbstbekenntnisse. Das Publikum erwartet keine prosaischen Glanzleistungen, was zählt, sind die Tiefe und Wahrhaftigkeit des vorgetragenen Gefühls. Der bekannte US-amerikanische Autor und Netztheoretiker Jeff Jarvis hat aus dieser Erfahrung eine ganze Weltanschauung zusammengeschweißt: Wer offen sein Leid teilt, der erfährt meistens Gutes. Jarvis selbst hat vor vier Jahren seine Prostatakrebserkrankung im Internet öffentlich gemacht. Und er bekam, was er sich erhoffte, nämlich „nützlichen Rat und warmherzige Unterstützung“. Grund genug für Jarvis, die Privatsphäre-Hysterie der Europäer, allen voran der Deutschen, seither kritisch zu hinterfragen. Warum sollte man sich verstecken wollen, wenn doch die digitale Welt so voller Anteilnahme und Wärme ist?

Die Antwort des kulturpessimistischen Skeptikers liegt auf der Hand: Weil da draußen nachweislich noch ganz andere Netzgefühle lauern. Und die haben mit Warmherzigkeit und Einfühlungsvermögen wenig zu tun. Das Internet ist, auch das ist unbestritten, voller Wut, Hass, Ekel, Abscheu. Voller menschenverachtender Bemerkungen, voller gegenseitiger Beschimpfungen. Es gibt Webseiten, deren Kommentarspalten bekannt sind für ihren aggressiven Ton. Youtube ist nur eine davon, auch auf Facebook und Twitter sind die Nutzer manchmal nicht zimperlich. Wer Dampf ablassen will, kann das an vielen Ort im Netz tun. Bei manchen deutschen Nachrichtenportalen gehört es sogar ausdrücklich zur Kundenbindungsstrategie, dass das Publikum sich verbal abreagieren darf.

Doch woher rührt überhaupt die allgemeine Genervtheit? Da ist zum einen natürlich die Blödheit der Welt, von der sich jeder Netznutzer generell provoziert fühlt. All diese Leute mit ihren halbgaren Meinungen. Können die nicht einfach alle mal die Fresse halten! Wen konkret es dann trifft, wer zur Zielscheibe der Masse wird, das ist so zufällig wie unvorhersehbar. Es kann der dickliche Teenager sein, der nur mal ein lustiges Video von sich posten wollte. Es kann die erfahrene PR-Expertin sein, die sich auf Twitter eine Spur zu verächtlich über Aids und Afrika äußert. Oder der Politiker, dem irgendwo ein Nebensatz entgleist.

Gelegentlich lassen sich bei der Entstehung von Shitstorms Muster erkennen: Hochmut wirkt provozierend – und Hässlichkeit. Witzigseinwollen ist ebenfalls ein Risikofaktor, weil Pointen schnell zu Ungunsten des Spaßvogels verrutschen können. Der Grat zwischen köstlichem Sarkasmus und hochnäsig wirkender Häme ist schmal. Genauso wie der zwischen authentischer Innenperspektive und wehleidigem Selbstmitleid. Und am Ende ist es immer das Publikum, das entscheidet, ob der Ton richtig getroffen wurde. Wenn nicht, dann kann die Strafe äußerst grausam sein.

Die Hemmungslosigkeit, mit der Nutzer im Netz dann aufeinander eindreschen, erklären Psychologen gerne damit, dass sich der digitale Wutbürger das real betroffene Gegenüber nur schwer vergegenwärtigen kann. Der Schreibende verfüge angeblich im Moment der Beschimpfung nicht über ausreichend Vorstellungsvermögen, sich die Konsequenzen seines Handelns vorzustellen. Der, den es trifft, ist weit weg, selten kennt man ihn persönlich. Was die Schmähungen bei den Betroffenen auslösen, welche Folgen einzelne hasserfüllte Kommentare oder eine kollektive Internethetzjagd langfristig haben, das alles bleibt abstrakt.

Eine neue Herzensbildung sei nötig, heißt es dann oft: Unauffälliges Benehmen und wohldosierte Höflichkeiten, die auch den analogen Alltag bestimmen, müssen als alte, neue Verhaltenskonventionen ins Internet hinein verlängert werden. Der digitale Bürger solle sich dringend mäßigen, er dürfe nicht länger jedem Interaktionsimpuls nachgeben. Der unerträglichen Leichtigkeit der Wallungen muss ein Riegel vorgeschoben werden – nicht in Form von Gesetzen, sondern in Form der inneren Selbstkontrolle.

Zur Volkserziehung werden wiederum Tragödien eingesetzt. Die Geschichten der Gefallenen werden medial ausgeschlachtet, nicht selten in allen Details nacherzählt. Da liest man von Teenagern, die nur noch den Selbstmord als Ausweg sahen, um dem Internetmob zu entkommen. Oder von Menschen, deren Existenz vom Hass zerstört wurde, die sich zurückziehen, alle Accounts löschen, die am Boden liegen, innerlich und äußerlich vernichtet sind.

So schließt sich der Kreis. Erneut wird am Bildschirm ein Tränchen verdrückt. Oh armes Opfer, oh grausame, grausame Welt. Dabei verstellt die moralische Betrachtung den Blick auf eine nüchterne ökonomische Lesart: Das Internet braucht die großen Gefühle wie das Auto den Sprit. Weil es ein schnelles, volles und weitgehend werbefinanziertes Medium ist. Weil jeder Seitenbetreiber um Klicks und Aufmerksamkeit buhlt. Erfolgreich ist nur, wer das Emotionalisierungsgeschäft richtig zu bedienen weiß. Hass ist eine starke Antriebskraft, Mitleid ebenfalls. Beide lassen sich in Verweildauer umwandeln. Und in Interaktion. Das ist die Währung, die zählt. Würde sich die Menschheit ab morgen im Netz wortkarg und zugeknöpft verhalten, bräche die Hälfte aller Geschäftsmodelle krachend in sich zusammen.

KNIGGE FÜR SOZIALE NETZWERKE

Das Internet bietet viele Freiheiten. Manchmal zu viele. Surfer sollten bei allen Möglichkeiten, die Soziale Netzwerke wie Facebook, Google+, Twitter & Co bieten, aufpassen, nicht in rechtliche Schwierigkeiten zu geraten. Auch im Netz gilt das Strafgesetzbuch, warnen Rechtsanwälte. Das bedeutet: Beleidigungen werden bestraft. Ob etwa ein Kraftausdruck öffentlich gepostet oder privat als Direktnachricht geschickt wird, ist egal. Nach dem gleichen Prinzip wird auch Cyber-Mobbing geahndet. Allerdings stößt die Justiz hier an ihre Grenzen. Der einzelne Beitrag ist oft nicht so schlimm, da geht es eher um die Masse. Manieren im Shitstorm: Ein Politiker macht einen Fehler, ein Torwart greift daneben – und schon bricht im Internet ein Shitstorm über ihn herein. Sachliche Kritik ist erlaubt, Beleidigungen oder falsche Behauptungen gehen nicht. Wo genau die Grenze verläuft, hängt vom Ziel ab. Personen des öffentlichen Lebens, also Politiker oder Stars, müssen schon einiges aushalten. Als Faustregel gilt: Was man dem Gegenüber nicht ins Gesicht sagen würde, gehört auch nicht ins Netz. Tsp