Netzwelt : Elegante Ablehnung

Nicht ins gemachte Nest: Bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises überraschen Sonja Zietlow und Daniel Hartwich Jury und Fans

Die Ausgezeichneten. Daniel Hartwich und Sonja Zietlow waren nicht im Publikum. Zietlow sagte, sie hätte jeden Preis genommen, nur nicht im ersten Jahr nach Dirk Bach.
Die Ausgezeichneten. Daniel Hartwich und Sonja Zietlow waren nicht im Publikum. Zietlow sagte, sie hätte jeden Preis genommen, nur...Foto:RTL

Ein echter Reich-Ranicki-Moment beim Deutschen Comedypreis: Die Dschungelcamp-Moderatoren Sonja Zietlow, 45, und Daniel Hartwich, 35, haben ihre Trophäe am Dienstagabend einfach stehen lassen. Im ersten Jahr nach dem Tod von Dirk Bach würde sich das „komisch“ anfühlen, erklärte Zietlow bei der Aufzeichnung der Preisverleihung in Köln. Dirk Bach sei schließlich nie für seine Moderation geehrt worden. Hartwich schloss sich an: „Ich kann keinen Preis annehmen, den mein Vorgänger verdient gehabt hätte. Ich habe mich ins gemachte Nest gesetzt.“ Dennoch blieb RTL zunächst dabei, dass die beiden den Preis doch angenommen hätten, wenn auch traurig. Noch mal fragen konnte man sie nicht, da die beiden Moderatoren wegen „Terminschwierigkeiten“ nicht zur Verleihung kamen. Stattdessen meldeten sie sich nur in einem Einspielfilm zu Wort.

Auf jeden Fall ein echter Kracher für die normalerweise sehr berechenbare Gala. Natürlich werden sofort Erinnerungen an die Zurückweisung des Deutschen Fernsehpreises durch Marcel Reich-Ranicki 2008 wach. Dessen Kritik am „Blödsinn“ des deutschen Fernsehens war allerdings wesentlich grundsätzlicher.

Von der einen Schrecksekunde abgesehen lief im Kölner Coloneum alles wie gehabt. Was bei so einer Fernsehgeschichte nicht unbedingt schlecht sein muss. Laut Branchendienst DWDL.de könnte man den Verantwortlichen für den Deutschen Fernsehpreis, der vor gut zwei Wochen bei einer recht lustlosen Veranstaltung verliehen worden, nur raten: Schaut euch den Comedypreis an und erkennt, dass man eine Preisverleihung auch so gestalten kann, dass sie für den Zuschauer durchaus sehenswert ist. Dass man in eine Laudatio tatsächlich viel Arbeit stecken kann.

Wer allerdings am Ende von wem welchen Preis bekam, war kaum zu überblicken, die Rollen wechselten ständig. Derjenige, der eben noch die Laudatio gehalten hatte, konnte im nächsten Moment schon selbst eine Auszeichnung erhalten – und umgekehrt. So empfing Carolin Kebekus den Preis für die beste Komikerin – und setzte damit dem Siegeszug von Cindy aus Marzahn ein Ende, die sich in dieser Kategorie in den vergangenen vier Jahren jedes Mal durchsetzen konnte – und übergab kurz darauf selbst den Preis für den besten Komiker an Olaf Schubert. Der wiederum ist Vorsitzender der Jury.

Irgendwie komisch? Soll es ja auch sein! Außerdem bleibt doch alles in der Comedy-Familie. „Das ist der achte Preis, den ich bekomme“, sagte Mario Barth, als er für den erfolgreichsten Live Act prämiert wurde. Martina Hill erhielt bereits zum vierten Mal die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Dass der „Tatortreiniger“ mit Bjarne Madel in der Kategorie „Beste Comedyserie“ gegen „Pastewka“ verlor, dürfte ebenso wenig ungeteilten Beifall finden wie der Ehrenpreis für Tom Gerhardt („Ballermann 6“). „Circus Halligalli“ von Pro7 durchbrach in der Kategorie „Beste Comedyshow“ die Dauersiegesserie der „heute show“ bei dieser Veranstaltung. Dies ist der erste Comedypreis für Joko Winterscheidt und und Klaas Heufer-Umlauf.

Die Aufzeichnung der Show, die erst am Samstagabend um 22 Uhr 15 bei RTL läuft, zog sich drei Stunden hin. Das war noch zivil. Vor ein paar Jahren konnte es einer der Zuschauer nach dreieinhalb Stunden nicht mehr aushalten und verließ vorzeitig das Studio. Dabei nahm er jedoch die falsche Tür: Als sie hinter ihm ins Schloss fiel, stellte er plötzlich fest, dass sie auf der anderen Seite keine Klinke hatte.

In diese Verlegenheit kamen Sonja Zietlow und Daniel Hartwich bei der Preisverleihung am Dienstagabend in Köln erst gar nicht. Aufmerken ließ kurz vor dem Ende der Verleihung, an dem Tom Gerhardt noch mit dem Ehrenpreis geehrt wurde, eben jene Auszeichnung für die Beste Moderation, die an Sonja Zietlow und Daniel Hartwich für „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ ging. Die beiden waren allerdings nicht im Publikum und zeigten sich auch in einer Video-Botschaft wenig angetan. Sonja Zietlow sagte, sie hätte seit dem Start der Sendung jeden Preis gerne genommen, jedoch nicht im ersten Jahr nach dem Tod von Dirk Bach.

Für Sonja und Dirk käme die Auszeichnung ein Jahr zu spät, für Sonja und ihn ein Jahr zu früh, fasste Daniel Hartwich die Haltung zusammen, um dann noch schnell den beiden Autoren Jens Oliver Haas und Micky Beisenherz zu danken, die für die Moderationen ganz maßgeblich verantwortlich zeichnen. Beisenherz selbst twitterte am Mittwoch: „Mir ist ein elegant abgelehnter Preis lieber als ein umständlich angenommener.“ Der Preis selbst blieb am Vorabend auf der Bühne stehen. meh (mit dpa)