Die Tatort-Kritik : Jenseits von höflich

Dortmunds Chef-Kommissar Peter Faber dreht frei, den absolut durchschaubaren Fall löst er eher nebenbei. Sehenswert ist der ARD-Sonntagskrimi trotzdem.

Ariane Lemme
Findet alle zum Kotzen: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann).
Findet alle zum Kotzen: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann).Foto: ARD Promo

Wodka trinken im Glitzerkleidchen, kotzen auf dem Klo. Diese logische Choreografie eines Freitagabends teilen im neuen Dortmunder Tatort zwei der Rollen unter sich auf: Das Opfer hat sich in eine schöne Zukunft geträumt – der Kommissar lebt in seiner grausamen Vergangenheit. Im ARD-Sonntagskrimi „Eine andere Welt“ verknüpfen sich Ermittler- und Mordopfer-Schicksal, ohne die Story künstlich zu verbiegen. Tot ist die 16-jährige Nadine, die gerade erst aufgebrochen war, sich aus dem eher elenden Stadtteil Clarenberg heraus-  und in die Schampus-Clique ihrer Schulfreunde hineinzuarbeiten.

Jetzt wird sie leblos aus dem See gefischt. In einem echt teuren Fummel – und den echt üblen Spuren einer Vergewaltigung am Körper. Ermitteln müssen aber erst einmal die drei Untergeben von Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann), denn der ist auf einem Ausflug nach Lübeck, um den Tod seiner Frau und seiner Tochter aufzuklären. Deren Unfall vor zwei Jahren treibt ihn seit der ersten der bislang insgesamt drei Dortmunder Tatort-Folgen um, unter seinem Trauma leidet nicht nur er, sondern auch sein Team: Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske)

Kaum zurück und noch immer ohne zu wissen, ob der Unfall wirklich ein Unfall war, tobt und giftet Faber durchs Revier, reißt hier mal ein Waschbecken aus der Wand und seinen Mitmenschen die Masken vom Gesicht. Alles zu verlieren, was einem wichtig scheint ist scheiße. Klar. Aber es gibt diesen einen kleinen Triumph: Man wird gleichgültig den gesellschaftlichen Normen gegenüber. Höflich sein? Kleine Lügen – taktische wie liebevolle – vergiss es. In dem Stadium ist Faber.

Deshalb gehen sie ihm so auf die Nerven, die anderen mit ihren Lügen, ihrer Arroganz und ihrer Weinerlichkeit. Sie haben, so viel ist für ihn klar, keine Ahnung, was wirklich weh tut, was wirklich schlimm ist im Leben. Er lässt die Affäre seiner beiden jungen Mitarbeiter Dalay und Kossik auffliegen und flippt aus, als die beiden Nadines Exfreund, den jungen Tarek Abboubi (Hassan Akkouch), verdächtigen. „Muslim, vorbestraft, zack - los schnappt ihn euch“, ätzt er. Und er hat ja Recht. X-mal ziehen Polizisten jeden Tag diesen Schluss und verdächtigen unschuldige junge Männer. Männer mit dunklen Haaren, Männer mit Bart und der falschen Religion. Racial Profiling heißt das, ermitteln nach rassistischen Gesichtspunkten. Gut, dass das mal einem auf die Nerven geht.

Aber logisch, Faber ist eine Belastung für sein Team. Er telefoniert, er brüllt und flucht – und erzählt dem Mann seiner Kollegin Bönisch ein paar Takte, als der sie ständig im Dienst anruft. All das, was die anderen täglich ertragen, aus Höflichkeit, beruflicher Cleverness oder einfach, um gemocht zu werden,  lässt ihn überschnappen, Takt ist keine Kategorie mehr für ihn.

Seinen Job macht er trotzdem und er macht ihn gut. Stunden verbringt er mit Nadines Leiche in der Pathologie, grübelt über ihren Verletzungen – bis er irgendwann klar sieht. Gut, auch sein Team ist daran nicht unbeteiligt, selten wurden im ARD-Tatort mal so harte Verhöre wie die von Dalay und Kossik geführt – die dabei dann auch noch glaubwürdig waren. (Ob sie auch juristisch korrekt geführt sind, verrät @tatortwatch wie jeden Sonntagabend im Twitterstream).

Überhaupt schafft es Regisseur Andreas Herzog, das Leid seiner Figuren ohne aufgesetzte Tricks und alberne Kunstgriffe rüberzubringen. Da ist zum Beispiel der Vater von Nadine (Markus John), ein verzweifelter Schichtarbeiter mit fettigen Haaren und einem Blick, der auch den Zuschauer verzweifeln lässt.  Zusammen mit der von Martin Tingvall klug eingesetzten Musik helfen die Schauspieler tatsächlich über den verdammt durchschaubaren Mordfall hinweg. Wen interessiert schon der Fall, solange die Kommissare ein spannendes Eigenleben haben?