Netzwelt : Der Revolutionär

Dreckig, böse, gemein: Harald Schmidt gibt dem Fernsehen keine Chance

Matthias Kalle
„Medienhure“, so hat sich Harald Schmidt selbst bezeichnet. Gegen Geld wechselte er von der ARD zu Sat 1, von Sat 1 zur ARD, von der ARD zu Sat 1 – und jetzt zu Sky.
„Medienhure“, so hat sich Harald Schmidt selbst bezeichnet. Gegen Geld wechselte er von der ARD zu Sat 1, von Sat 1 zur ARD, von...Foto: dapd

Harald Schmidt macht einen Schnitt. Er wechselt mit seiner Late-Night-Show von Sat 1 zu Sky, vom Free- ins Pay-TV. Aus dem Scheinwerferlicht tritt er in den Halbschatten des Mediums, im Herbst dieses Jahres. 1988 war der Anfang. Die Sendung, die Schmidt damals moderierte, hieß „Maz ab“ und war nicht der Rede wert. Die Sensation war der Moderator, war Schmidt, denn er hielt sich schon damals für wichtiger als das Format, und das war dann auch so bei der Rateshow „Pssst“ und bei „Schmidteinander“ und natürlich bei „Verstehen Sie Spaß“ – jede Sendung, die Schmidt moderierte, war bereits die „Harald Schmidt Show“.

Warum haben wir ihm zugeschaut? Weil er mir und vielen meiner Generation zeigte, was Fernsehen auch sein kann: Chaos, Punkrock, Kindergeburtstag; dreckig, böse, gemein. Er erschien zu einer Zeit, als unsere Eltern über das politische Kabarett von Dieter Hildebrandt lachten und die Einführung des Privatfernsehens verteufelten. Schmidt wurde unser erster Fernsehheld, vor allem auch deshalb, weil er uns sehr viel über Haltung beigebracht hat – ja, vielleicht war das sogar das Wichtigste, was wir von ihm gelernt haben.

Denn Schmidt hatte eine Haltung zu den Dingen, die uns erstaunte, verblüffte – und von der wir irgendwann nicht genug bekommen konnten. Und ich glaube, dass wir schuld daran sind, dass seine Quoten nicht mehr ausreichen. Denn damals, als die Quoten gut waren, da schauten wir Schmidt jeden Abend und ich wusste, dass ich damit nicht alleine war, dass viele meiner Generation zuschauten, er war unser „Wetten, dass..?“, er machte Fernsehen für uns. Damals aber hatten wir andere Leben, wir waren jung, wir gingen spät ins Bett und standen spät auf, heute gehen wir früh ins Bett und stehen früh auf – um Viertel nach elf am Abend noch mal den Fernseher einzuschalten, bringt uns um den Schlaf.

Wir schalteten nicht mehr ein, jedenfalls nicht mehr oft genug. Die, die es aber noch schafften, erzählten dann, wie gut Harald Schmidt wieder sei – und vergaßen dabei, dass er richtig schlecht niemals war, außer vielleicht in den Pocher-Jahren der ARD, die ein Fehler waren.

Am schlimmsten waren und sind immer die, die sagen, besser als bei „Schmidteinander“ sei Harald Schmidt nie gewesen. Das ist natürlich Unfug, dummes Zeug. Ja, Schmidt war gut, aber er übte noch, er war sich noch unsicher, deshalb saß ein Mann namens Herbert Feuerstein neben ihm, der weder davor noch danach eine Rolle im Fernsehen gespielt hat.

Feuerstein durfte diese Woche gemeinsam mit dem ehemaligen Redaktionsleiter von Harald Schmidt, Manuel Andrack, dem „Spiegel“ ein Interview geben. Das Thema: Schmidt. Die beiden erzählten, er würde sich vor Mitarbeitern verstecken, sei furchtbar faul und in Wirklichkeit noch viel gemeiner als auf der Bühne. Zitat Feuerstein: „Normalerweise tritt man nicht auf jemanden, der am Boden liegt. Schmidt hingegen springt drauf.“

Morgen sendet Sat 1 die letzte Ausgabe der „Harald Schmidt Show“, und das größte deutsche Nachrichtenmagazin lässt zwei ehemalige Weggefährten auf vier Seiten an den Mann erinnern. Am Ende reden sie darüber, ob und wann er wiederkommt. Bei Sky, wie wir nun wissen. Sind also alle Erinnerungsstücke – auch dieses hier – überflüssig? Weil er nicht aufhört, sondern weitermacht?

Nein, sie sind nicht überflüssig, weil eben doch etwas endet. Schmidt hat das Fernsehen in Deutschland nicht nur revolutioniert – er hat ihm auch seine Unschuld genommen. Schmidt war der Feind, er gehörte nicht in die deutschen Wohnzimmer. Der andere große Revolutionär, der jetzt von seinem Sender im Stich gelassen wird, ist Thomas Gottschalk. Der war nie der Feind, aber auch er nahm dem Fernsehen die Unschuld, denn als er 1987 „Wetten, dass..?“ übernahm, war das ein Kulturschock, damals war Gottschalk ein Punk, aber einer der – anders als Schmidt – sein Publikum liebte.

Schmidt wollte diese Liebe nie, er wollte Anerkennung, Lob – er wollte wohl auch den Widerspruch, das Stirnrunzeln und die Ablehnung, die ja immer auch die höchste Form des Lobes ist. Denn er hat das Publikum auch immer wieder überfordert, indem er im Fernsehen unglaubliche Augenblicke geschaffen hat: Als er irrerweise mal kurzzeitig „Verstehen Sie Spaß?“ moderierte, ließ er minutenlang ein Metronom auf der Bühne hin und her pendeln; in einer Ausgabe seiner „Harald Schmidt Show“ sprach er ausschließlich französisch; im Gedenken an Miles Davis stand er eine Sendung lang mit dem Rücken zum Publikum; einmal schaltete er für 20 Minuten das Licht aus und sagte während dieser Zeit kein Wort.

Die Form jener Jahre erreichte er in den vergangenen Wochen beinahe. Die Sendung vom 24. April zum Beispiel war eine „Harald Schmidt Show“, bei der man eine Stunde lang grinsend vor dem Fernseher saß – weil es immer eine Freude ist, wenn man Menschen dabei zuschauen kann, wie sie Sachen machen, die sie können. Schmidt hat das Bochumer Symphonieorchester eingeladen, die Musiker spielen „Carmen“ und „Die Hochzeit des Figaro“, einmal dirigiert Schmidt, einmal singt Anke Engelke ein Lied von Elton John. Das machte, natürlich, überhaupt keinen Sinn, aber es zeigte wieder einmal, wie gut der Mann ist, wenn es zu Ende geht, wenn ihm alles egal ist.

Die Absetzung von Harald Schmidt bei Sat 1 bedeutet dann aber auch ein kleines bisschen mehr, und man muss sie im Zusammenhang sehen mit der Bestellung von Markus Lanz als Moderator für „Wetten, dass..?“: Das Free-TV von ARD über Sat 1 bis zum ZDF will den Zuschauern nichts mehr zumuten, es will sie nicht überfordern, es geht wieder den Weg des geringsten Widerstands so wie damals, bevor Thomas Gottschalk und Harald Schmidt angetreten sind, um dieses Medium zu verändern. Die Botschaft des Fernsehens lautet daher auch: Wir geben uns mit dem Mittelmaß zufrieden, weil Mittelmaß am Ende Quote bedeutet. Die paar Zuschauer, die mehr sehen wollen, die mehr verlangen – die interessieren uns nicht, sie sind nicht relevant.

Vielleicht sieht Harald Schmidt das genauso. Vielleicht ist sein Wechsel zu Sky, einem Sender, der mit Fernsehen nicht viel zu tun hat, sein letzter Gruß an die Branche. Nicht salutierend, wie so oft in seiner Show. Sondern mit dem Mittelfinger. Ab Donnerstagabend ist Harald Schmidt endlich frei.

„Die Harald Schmidt Show“, Sat 1, um 23 Uhr 15