Netzwelt : Das Leben danach

Einst waren Myspace, StudiVZ und Second Life angesagt, heute sind sie ein Fall für Archäologen. Geht da noch was? Zu Besuch in den Ruinen des Internets

Sebastian Leber
Foto: Fotolia; Montage: Thomas Mika

Wer mal so richtig ungestört durch eine deutsche Großstadt spazieren will, soll sich bei „Second Life“ anmelden. Der Münchner Marienplatz zum Beispiel ist dort erstaunlich detailgetreu nachgebildet: Das Neue Rathaus beeindruckt mit seiner neugotischen Fassade, die Spitze der Mariensäule glänzt golden. Sogar ein Karussell steht herum, Rentiere drehen sich im Kreis, man könnte jederzeit aufsteigen. Das Einzige, was fehlt, sind die Menschen. Früher trafen sich hier „Second Life“Spieler mit ihren virtuellen Alter Egos, um Freundschaften zu pflegen, Nutzer kennenzulernen, bisschen Zeit totzuschlagen. Heute ist nicht mal jemand da, den man fragen könnte, wo denn alle hin sind.

Second Life ist ein drastisches Beispiel dafür, wie hochgejubelte, als Zukunft digitalen Lebens gehandelte Plattformen verwaisen können. Und welche trostlosen Ruinen sie hinterlassen. Berlins Mitte existiert gar nicht mehr: Die Nachbildung des Alexanderplatzes galt 2006 noch als das ambitionierteste Projekt innerhalb des Second-Life-Universums schlechthin. Der Fernsehturm maß 368 virtuelle Meter, wurde als höchstes Gebäude des Internets beworben. Die Mülleimer zierten dieselben Graffiti, wie man sie in der Realität vorfand. Die Betreiber planten, stückweise die gesamte Stadt in Second Life nachzubauen, bis rauf nach Hellersdorf. Reale Firmen sollten Miete bezahlen, um dort zu werben und zu handeln. Hat alles nicht geklappt. Im Juli dieses Jahres haben die Betreiber einen Schlussstrich gezogen.

Noch gruseliger als der Besuch von Second Life ist es, wenn man sich heute auf StudiVZ einloggt. 2007 war die Seite noch das größte soziale Netzwerk Deutschlands, dem Konkurrenten Facebook an Mitgliederzahlen und Wachstum weit überlegen. Wer sich jetzt hinwagt, fühlt sich ein bisschen wie Frodos Gefährten, als die in „Herr der Ringe“ in die Minen von Moria eindrangen: Finsternis, Totenstille. Im Staub liegen Schädel und Zwergenskelette. Klar, hier hat mal eine wilde Schlacht getobt, aber das muss lange her sein.

Viele Bekannte, von denen man weiß, dass sie zu Hochzeiten täglich auf StudiVZ unterwegs waren, sind komplett verschwunden. Sie haben ihre Profile gelöscht und alle sichtbaren Spuren verwischt. Andere gaben sich weniger Mühe, sind irgendwann einfach nicht mehr aufgetaucht. Das erkennt man an kleinen Vermerken unterhalb der Nutzernamen. Dort steht das Datum der letzten Aktualisierungen: September 2010. Dezember 2009. Mai 2008. Man kann vergnügliche Minuten damit verbringen, gezielt nach übrig gebliebenen VZ-Profilen zu suchen. Die Leute sehen alle so jung aus auf ihren Bildern! Ein ehemaliger Studienfreund, heute Bundesbeamter, steht da etwa mit einer Flasche Flens in der Hand und schaut deutlich angeschwippst aus. Das würde sich auf Facebook heute keiner mehr trauen.

Nach mehreren Betreiberwechseln befindet sich StudiVZ mittlerweile im Besitz der Investmentfirma Vert Capital. Das Pendant SchülerVZ wurde Ende April dieses Jahres geschlossen, sämtliche Daten wurden angeblich unwiderruflich gelöscht. StudiVZ macht weiter, und tatsächlich: Zwischen all den Karteileichen scheint es noch ein bisschen Leben zu geben. In einigen Themengruppen finden sich aktuelle Nutzer-Wortmeldungen. Bei vielen schwingt Stolz mit. Darüber, dass sie weiter auf StudiVZ ausharren, nicht zum unübersichtlichen Facebook rübergemacht haben. „Ich bleibe hier und schließe am Ende die Tür ab. Vorher gehe ich nicht“, schreibt einer.

Auf der Startseite wirbt der aktuelle Betreiber immer noch mit dem alten Werbeslogan „Bist Du schon drin?“. Schon. Als ob sich da einer beeilen muss, um nicht den nächsten heißen Scheiß zu verpassen.

Das Tragische ist: Die Plattform an sich wirkt gar nicht veraltet. Design und Technik wurden im Laufe der Jahre, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ständig weiterentwickelt. Es gibt inzwischen sogar den begehrten „Daumen runter“, also das Äquivalent einer „Gefällt mir nicht“-Funktion, die auf Facebook von Nutzern seit langem gefordert, aber bisher nicht durchgesetzt wurde. Auch Second Life ist nicht veraltet. Ganz im Gegenteil: Technisch wirkt es viel eleganter und ausgereifter als früher, da ruckelt nichts mehr, die Ladezeiten nach Ortswechseln sind geringer. 

Offensichtlich bringt das alles nichts. Wenn die Schar der Vernetzungswilligen erst einmal weitergezogen ist und sich der öffentliche Fokus dem nächsten großen Ding zugewandt hat, kann sich der Betreiber auf den Kopf stellen und noch so viel Geld und Zeit investieren. Es guckt halt keiner mehr hin. Diesen Sommer, zum zehnten Geburtstag von Second Life, hat sich CEO Rod Humble zu Wort gemeldet und betont, dass seine Welt weiterwachse und die verbliebenen aktiven Nutzer es sich überraschend gut gehen ließen, die Freiräume kreativ nutzten – ganz egal ob Medien darüber berichten oder nicht. Zumindest da hat er recht: In die Nachrichten schafft es Second Life kaum noch. Eine Ausnahme war die Meldung der „New York Times“ Anfang dieser Woche: Aus den Unterlagen Edward Snowdens gehe eindeutig hervor, dass die NSA in der Vergangenheit auch in sozialen Netzwerken spioniert habe, unter anderem in Second Life. Zum ersten Mal in dieser Affäre würde man die Beteuerung, das Abhören habe lediglich in der Vergangenheit stattgefunden, glauben.

Die Liste der Niedergänge lässt sich fortsetzen: Auch MSN Messenger, Friendster und die Lokalisten galten einmal als schwer angesagt, mussten dann aber schwindende Nutzerzahlen verkraften. Ganz besonders trifft das auf Myspace zu, das US-Netzwerk, auf dem Teilnehmer ihre Profilseiten optisch aufwendig gestalten und gleichzeitig Lieder bekannter Bands dort einbinden konnten. Zwischenzeitlich hatte die Plattform 200 Millionen Nutzer.

Vor acht Jahren kaufte Rupert Murdoch Myspace für sagenhafte 580 Millionen Dollar. Kurz darauf begann der dramatische Niedergang, 2008 zog dann Facebook vorbei. Als wesentlicher Grund gilt heute unter Internet-Archäologen die Tatsache, dass Myspace keine Möglichkeit bot, die neuesten Aktivitäten befreundeter Nutzer gesammelt einzusehen. Schließlich stieß Rupert Murdoch die Seite für weniger als ein Zehntel des Kaufpreises an eine Investorengruppe ab, zu der Popstar Justin Timberlake gehört. Im Januar dieses Jahres folgte der Versuch eines Neustarts, mit aufwendiger neuer Optik und hohem Werbebudget. Der Erfolg hat sich bisher nicht eingestellt. Vergangenen Monat wurde bekannt, dass Myspace fünf Prozent seiner Belegschaft abbaut.

Was können heutige Netzwerke aus diesen Katastrophengeschichten lernen? Bisher gilt es für soziale Netzwerke als größte Hürde, eine sogenannte kritische Masse an Nutzern anzulocken. Ist diese erreicht, so die Theorie, entwickelt die Gemeinschaft Eigendynamik, was zu weiterem, langfristigem Wachstum führt. Offensichtlich gibt es dafür keine Garantie. Nicht einmal Marktführer sind davor gefeit, trotz dauerhafter sorgfältiger Pflege irgendwann in der Versenkung zu verschwinden.

Bei Facebook und Twitter kann sich das heute keiner vorstellen, bei Google+ gehört zumindest viel Fantasie dazu. Aber 2008 hätte das von Myspace auch keiner gedacht. Der Londoner IT-Berater Benedict Evans hat sich den Aufstieg und Fall von fünf sozialen Netzwerken angeschaut und festgestellt, dass der Wert von Datenakkumulation bisher überschätzt wird. Nutzer sind offenbar gern bereit, eigene Erinnerungen, Kontakte und geknüpfte Netzwerke zurückzulassen, wenn andere Orte mehr Spannung versprechen. Eigentlich ein tröstlicher Gedanke.