Migration : Was ist schon deutsch?

Gerd Appenzeller

Deutschland ist nicht mehr das, was es war. Aber es war auch nie so, wie die AfD es sich malt. Das reale Ausmaß der Veränderung misst das Statistische Bundesamt in nüchternen Zahlen. Es hat jetzt mitgeteilt, dass 24 Prozent der hier lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben. 19,3 Millionen Kinder und Erwachsene sind entweder selber Einwanderer oder haben mindestens ein Elternteil mit einem anderen als einem deutschen Hintergrund. In der Zusammensetzung des Bundestages merkt man davon übrigens wenig.

Dabei erfasst die Statistik nicht einmal jene Menschen, deren nichtdeutsche Herkunft in die Großelterngeneration zurückreicht. Rechnet man die hinzu, gerät das tradierte konservative Deutschlandbild vollends ins Wanken. Viele der Enkelinnen und Enkel der ersten türkischen Gastarbeitergeneration klagen, noch immer nicht voll akzeptiert zu sein. Die „MeTwo“-Debatte machte es gerade bewusst. Anders ist es bei den vielen hunderttausend Zuwanderern aus EU-Ländern. Weiß jemand, dass innerhalb der deutschen Grenzen mehr als zwei Millionen Menschen mit polnischen Wurzeln leben? Dass die DDR eine geschlossene, die Bundesrepublik aber eine offene Gesellschaft gewesen ist, sieht man auch daran, dass der Migrationsanteil in der Bevölkerung dort unter zehn Prozent liegt. Animositäten gegen alles Nichtdeutsche sind da jedoch am größten.

Migration hat auch nur bedingt mit den großen Fluchtbewegungen der letzten Jahre zu tun. Deutschland und die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich. Weiß noch jemand, mit welch großen Vorbehalten, teilweise mit offener Antipathie, nach 1945 die 14 Millionen Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten wie Fremde abgelehnt wurden? Eher erinnert man sich noch an die Anpassungsprobleme, die viele jener drei Millionen Aussiedler hatten und haben, die zwischen 1987 und 2003 aus der Sowjetunion beziehungsweise ihren Nachfolgestaaten kamen.

So lange die Integration durch Arbeit gelingt, verkraftet eine offene Gesellschaft Zuwanderung. Das gilt vor allem, wenn Menschen kommen, die die Regeln einer demokratisch verfassten Gemeinschaft respektieren. Fehlt beides, die Aussicht auf einen existenzsichernden Job und die Toleranz, wird es schwierig. Auch andere Hemmnisse erlebt Deutschland gerade. Die neue bayerische Praxis, junge Menschen aus gesicherten Arbeits- oder Ausbildungsplätzen abzuschieben, ist das denkbar schlechteste Vorbild für das Bemühen der Mehrheitsgesellschaft um Einbindung.

Tatsächlich wandelt sich Deutschland schon seit Jahrzehnten kontinuierlich, denn die demografische Entwicklung der etablierten Bevölkerung ist negativ. Die Generationen des alten Deutschland, in dem nur jeder zehnte einen Migrationshintergrund hatte, stirbt langsam aus. Das neue Deutschland wird anders, vielfältiger sein. Bei 38 von 100 Kindern unter sechs Jahren registriert die Statistik jetzt entweder ein nichtdeutsches Elternteil oder einen Geburtsort im Ausland.

Wenn sich Deutschland verändert, hat das nichts mit dem bösen Kampfbegriff der AfD von der gezielten „Umvolkung“ zu tun. Der Wandel ist ja nicht bewusst herbeigeführt, sondern ein langsamer Prozess. Er spiegelt die alte Erkenntnis, dass Kinder die Zukunft sind, und dass es ohne sie keine Zukunft gibt.