Matthies meint : Systemkritik dringend notwendig

Wir müssen uns das mit den Berliner Flughäfen als eine Art Achtsamkeitsinitiative vorstellen. Das Projekt BER liegt brach und kommt vermutlich nie, Schönefeld bröckelt und Tegel ächzt. „Gute Güte!“ sagen die Fluggesellschaften da, wir müssen unsere Expansion ein wenig bremsen, müssen damit aufhören, so provokant nett zu unseren Kunden zu sein, sonst kommen immer mehr, und wo sollen die sitzen? Und was wird aus den Städten und Landschaften, in die sie am anderen Ende entlassen werden?

Kundenverdrängung – altes marktwirtschaftliches Wissen! – läuft am besten über den Preis. Deshalb, so hört man, kann es bei Ryanair passieren, dass einer, der Hans-Joachim heißt und als „Hajo“ eingecheckt hat, nicht reingelassen wird. Jedenfalls nicht, bevor er für die dringliche Namensänderung 160 Euro bezahlt hat, gut das Doppelte des Ticketpreises. Er will natürlich beim nächsten Mal eine andere Linie nehmen, findet aber keine und schaut sich dafür mit dem Rad die Mecklenburgische Seenplatte an. Ziel erreicht!

Ganz etwas anderes ist es allerdings mit den Preisen bei der Lufthansa. Ja, nach der Notschlachtung von Air Berlin sind alle Berlin-Flüge so irre teuer geworden, dass sich sogar das Bundeskartellamt schon hörbar räuspert. Dabei geht aber die kapitalismuskritische Vermutung, dass dort geldgierige Manager ihr Monopol nach Kräften ausnutzen, völlig in die Irre. Also: total!

Schuld ist nämlich das Buchungssystem. Das ist eine dieser künstlichen Intelligenzen, die immer alles hundertzehnprozentig super machen wollen. Die Plätze im Flieger füllen sich, die billigen zuerst, und das System hat keine Wahl, es macht die übrigbleibenden teurer und teurer, bis dann der letzte, den irgendein Geschäftsmann unbedingt braucht, eben drei Millionen Euro kostet, Economy hin und zurück. Na, oder etwas weniger, deshalb heißt das ja künstliche Intelligenz.

Die Manager haben damit überhaupt nichts zu tun. Sie sitzen im Büro und lesen auch nur in der Zeitung, dass ihre Flüge immer teurer werden. „Verdammtes System“, sagen sie, „das gibt nur wieder Ärger mit den Behörden, und die Presse schimpft!“ Deshalb schreiben sie auf ihre To-do-Liste „unbedingt Systemkritik machen“.

Bis dahin wird man aber sagen müssen: Die Fluggesellschaften arbeiten verbissen daran, den neuen Flughafen überflüssig werden zu lassen. Und das ist vermutlich auch das Klügste, was sie tun können.

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