Matthies meint : Kritik aus allen Rohren

Das Wort ist bildhaft, vielleicht bildhafter, als wir es uns wünschen, und der Vorgang, den es beschreibt, hat oft auch einen politischen Hintergrund: Shitstorm. Wer sich in aller Öffentlichkeit mit der Netzgemeinde und ihren Vorlieben anlegt, der steckt alsbald mittendrin. Die Welle der Kritik kommt unvorbereitet, sie rollt aus Blogs, Facebook und allen anderen offenen Rohren ungebremst auf das bedauernswerte Opfer zu – zuletzt über den CDU-Parlamentarier Ansgar Heveling, der in seiner onkelhaften netzpolitischen Büttenpredigt „digitales Blut“ vergossen sah.

Shitstorm. Das kann man leicht übersetzen, lässt es aber lieber. Denn seltsamerweise klingen solche im Alltags-Englisch ganz plausiblen Slangbegriffe auf Deutsch unangenehm vulgär, es scheint, als fange der Lehnwortcharakter das Gröbste ab. Shitstorm ist deshalb am Wochenende von einer Sprachwissenschaftler-Jury zum „Anglizismus des Jahres“ ernannt worden.

Und das ist auch ganz gut so, denn das Wort füllt eine Lücke. „Kritik“ oder „Protest“ sind zu klein für das Phänomen; „Sturm der Entrüstung“ trifft es zwar recht genau, klingt aber bräsig, ist umständlich zu handhaben und hat das Internet als Transportmedium nicht eingebaut. Ja, es mag sein, dass internetferne Sprachnutzer nichts kapieren, wenn es genutzt wird, aber das geht nun mal sehr vielen aktuellen Begriffen so; wer nie ein Smartphone in der Hand hatte, wird es auch als „Schlautelefon“ nicht besser verstehen.

Das Gute an der Wahl ist: Sie gibt uns einen Anlass, sachbezogen darüber nachzudenken, ob Anglizismen nun generell vom Teufel sind – oder zumindest gelegentlich helfen können, die deutsche Sprache genauso produktiv mit Lehnwörtern zu bereichern, wie es auch lateinische oder französische Vokabeln getan haben. Der Shitstorm passt in unsere Grammatik, macht also dem Deutschen keinen Ärger, das ist bei vielen unglücklicheren Entlehnungen anders.

Offen bleibt, ob es ein Wort mit Zukunft ist oder von der nächsten Welle technisch-gesellschaftlicher Entwicklungen aus der Sprache wieder hinausgespült wird. Im Moment sieht es aber nicht so aus, als würden wir einst darauf verzichten wollen, den anderen mal so richtig die Meinung zu sagen.