Matthies meint : Die einen und die anderen Fledermäuse

Uaaah, Lobbyisten. Das Böse schlechthin. Schmierige, hoch bezahlte Interessenvertreter, die dem Steuerzahler das Geld aus der Tasche ziehen. Sie schleichen, legitimiert per Hausausweis, durch die Bundestagsbüros, immer auf der Suche nach Parlamentsnovizen, denen sie wie Harry Potters Dementoren die Seele aussaugen können. Pharma, Dieselmotor, Gentechnik – der Untergang der Zivilisation ist ihr Bestreben, das manipulierte Gesetz ihre Waffe.

Aber Moment: Es gibt auch gute Lobbyisten, sehr gute sogar, so gut, dass man sie gar nicht mehr Lobbyisten nennen mag. Sie haben es geschafft, ihre Interessen zu unseren zu erklären und retten nun die Welt in einer Art, dass auch der Gesetzgeber nicht zurückstehen mag. Am vergangenen Donnerstag hat der Bundestag zur Schlummerstunde gegen 22 Uhr, wie es heißt, unter Beteiligung von ein paar Dutzend Abgeordneten, die umstrittene Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes durchgewinkt, die das Verbot der Tötung geschützter Tiere praktisch aufhebt, sofern sie im höheren Gemeininteresse durch private Windkraftanlagen exekutiert wird.

Parlamentskenner wissen: Wenn am späten Abend abgestimmt wird, geht es entweder um gesetzestechnische Langweiler oder um die ganz heiklen Sachen, die keiner bemerken soll. Die Wind-Lobbyisten, die dieses Ziel seit 2008 unermüdlich anstreben, haben immerhin neun Jahre gebraucht, um anzukommen, das ist ein gewisses Zeichen dafür, dass da und dort Widerstand geleistet wurde. Es half nur nichts.

Schätzungen besagen, dass schon die bislang installierten Windräder in Deutschland jährlich eine Viertelmillion Vögel und Fledermäuse umbringen, das können selbst Fans dieser windigen Art der Stromerzeugung nicht ganz wegdiskutieren. Aber es gilt von nun an das Argument von 2008: Deutsche Windräder retten die Welt und damit unter dem Strich viel mehr Vögel, als sie bis dahin umgebracht haben.

Fein raus sind dagegen die vielen Juchtenkäfer, Smaragdeidechsen und Fledermäuse, die einfach nur so bedroht sind, zum Beispiel durch Verkehrsprojekte oder den Bau eines Einheitsdenkmals in Berlins Mitte. Sie alle dürfen auch weiterhin auf sensible Umzugsbeihilfen und reichen Schutz hoffen, denn sie werden ja nur durch profanes öffentliches Bauen bedroht und nicht durch Windräder im höheren Gemeininteresse.

Ja, es gibt ein paar Lobbyisten, vor denen man langsam wirklich Angst haben sollte.

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