Matthies meint : Begrabt den Skat an der Mündung der Sieg

Die nervende Debatte über die deutsche Leitkultur bleibt meistens schon bei Kreuz und Burka hängen und ist damit dem Verderben ausgeliefert. Die einen bestehen darauf, dass der Begriff den Konsens hinsichtlich demokratischer Grundwerte meine, die anderen wollen eher was mit Kuckucksuhren und gemischtem Chorgesang, und wenn sich dann noch der Innenminister einmischt, sagen alle, ach je, der schon wieder – ein Minimalkonsens bestenfalls.

Es müsste also eine unparteiliche Institution her, eine Jury mit Weitblick, international erfahren. Um herauszufinden, was originär deutsch ist, ohne dass ständig die Deutschen dazwischenreden. Hier: Es gibt sie längst. Es ist die Unesco, die unermüdlich nach eigentümlichem Brauchtum sucht, das es nur hier gibt und nicht dort oder irgendwo dazwischen. So was wie, wie ...

Skatspielen. Das Skatspielen ist jetzt zusammen mit dem deutschen Hebammenwesen, dem Märchenerzählen, dem Poetry Slam und der Flussfischerei an der Sieg-Mündung in den Rhein als immaterielles deutsches Kulturerbe ausgezeichnet worden. Die Liste ist noch länger, aber man liest sie doch mit einer gewissen Wehmut, denn das Skatspielen hat ohne sein angestammtes Biotop, die Eckkneipe, kaum noch Überlebenschancen und wird überdies vom paarkompatiblen Doppelkopf bedrängt. Die Hebammen stöhnen unter hohen Versicherungsprämien, das Grimm’sche Märchen wurde längst von global wirksamen „Fake News“ abgelöst, und die Sieg-Mündung ... Sagen wir so: Sie spielt in der Leitkulturdebatte praktisch keine Rolle.

Bliebe also der Poetry Slam. Komisch, dass eine literarische Form, für die es nicht mal eine deutsche Übersetzung gibt, zum deutschen Kulturerbe überhöht wird, während das profane Rumsülzen und Dussligquatschen nachweislich enorm an Zulauf in der Bevölkerung gewinnt, aber eben nicht über dieses kulturelle Surplus verfügt, das dem Slam eigen ist.

Aber immerhin: In der Liste stehen nun schon 64 Bräuche, und vier weitere Einträge tragen den Ehrentitel „Gutes Praxisbeispiel“, beispielsweise die hochalpine Allgäuer Alpwirtschaftskultur. Da sollte eigentlich doch für jeden etwas zu finden sein, da müsste jeder integrationswillige Einwanderer sein Profil zusammenstellen können, auch wenn er es nicht im Morgengrauen an die Sieg-Mündung schafft. Im Zweifelsfall entscheidet letztinstanzlich das Altenburger Skatgericht.

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