Überregionales : Lesen überfordert viele Viertklässler

Iglu-Studie: Deutschland fällt zurück

Berlin - Grundschüler in Deutschland fallen im internationalen Vergleich beim Lesen zurück. Zwar haben sich die Kompetenzen von Viertklässlern im Verstehen von Texten seit 2001 nicht verschlechtert. Aber anders als in vielen Ländern ist es deutschen Grundschulen nicht gelungen, bessere Leser als vor 15 Jahren zu produzieren. Das geht aus der neuen Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) hervor, die am Dienstag in Berlin präsentiert wurde.

„Waren im Jahr 2001 nur vier Länder besser als wir, sind es inzwischen zwanzig“, sagte Studienleiter Wilfried Bos bei der Präsentation der Studie. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann (CDU), bewertete das Ergebnis als „nicht positiv“: „Stagnation ist Rückschritt.“ Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, sprach von einem „Weckruf“: „Dass viele Länder an uns vorbeigezogen sind, muss uns aufrütteln.“

Tatsächlich ist Deutschland wegen der hierzulande ausbleibenden Leistungsfortschritte aus dem oberen Drittel der weltweiten Rangliste ins untere Mittelfeld abgerutscht. Der Leistungsrückstand auf das international führende Russland beträgt ein Schuljahr. Vorbeigezogen sind etwa Polen und Litauen, Deutschland liegt jetzt auf einem Niveau mit Kasachstan. In Deutschland wurden für Iglu 2016 im vergangenen Jahr rund 4000 Schülerinnen und Schüler aus 200 Grundschulen getestet, es ist die vierte Ausgabe der Studie seit 2001. Weltweit nahmen 312 500 Schüler aus 47 Staaten und Regionen teil. Sie mussten kurze literarische Geschichten sowie Sachtexte lesen und dazu Fragen beantworten.

Als besorgniserregend stufte Studienleiter Bos ein, dass der Anteil der schwachen Leser auf 19 Prozent gestiegen ist und sich soziale Disparitäten verstärkt haben. „Das ist eine Schande, wie viele Potenziale hier verschleudert werden“, kritisierte Bos. KMK-Präsidentin Eisenmann und Staatssekretärin Quennet-Thielen machten schwierige Rahmenbedingungen für das Abschneiden verantwortlich, wie die Inklusion und den steigenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund.

Die Reaktionen auf die Ergebnisse fielen teilweise scharf aus. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, nannte es „das Peinlichste an unserem Bildungssystem“, dass die Herkunft der Kinder maßgeblich über ihren Bildungserfolg entscheidet. Nach jeder neuen Studie werde Besserung gelobt, „passiert ist sehr, sehr wenig“.

Die Bildungsgewerkschaft GEW forderte ein neues Ganztagsschulprogramm. Kai Gehring, Bildungsexperte der Grünen, sprach sich für eine Bildungsoffensive von Bund und Ländern aus.

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