Lawrows Opfer : Hybride Diplomatie

Hans Monath

Womöglich ist es nach außenpolitischen Maßstäben vernünftig, dass die Bundesregierung die Attacke des russischen Außenministers auf die Arbeit der deutschen Justiz nicht zum Krisenfall erklärt, sondern eher nüchtern reagiert. Sergej Lawrow hatte den Berliner Behörden „Vertuschung" vorgeworfen. Die widersprachen der Meldung, wonach eine 13-Jährige aus einer Familie von Russlanddeutschen von Migranten vergewaltigt worden sei. Tatsächlich vergrößert in der internationalen Politik eine heftige Reaktion auf einen Tabubruch den Schaden oft nur noch. Und dass ein junges Mädchen umso mehr leidet, je länger ihr Privatleben politisch instrumentalisiert wird, müsste eigentlich jeder einsehen.

Jenseits diplomatischer Zurückhaltung gilt: Lawrow zeigt eine neue Qualität der Dreistigkeit, wenn er mit den Ängsten von Russlanddeutschen spielt, unverhohlen fremdenfeindliche Ressentiments bedient und damit die Botschaft verknüpft, wonach die deutsche Flüchtlingspolitik als Zeichen des Niedergangs des dekadenten Westens zu deuten ist.

Der Außenminister hat ein neues Werkzeug aus dem Instrumentenkasten der Zersetzung gezogen. Nach dem „hybriden Krieg“ in der Ukraine, der von russischen Soldaten ohne Uniform geführt wird, ist nun „hybride Diplomatie“ zu besichtigen. Täuschen, verwirren, aber nicht verantwortlich zeichnen – darum geht es. Dazu gehört auch die Praxis, mit Leserbrief-Fabriken und „Trollen“ in Deutschland kritische Berichte über Russland zu erschweren und in sozialen Medien Zweifel an der Verlässlichkeit von Journalisten zu schüren.

Dabei hatte erst ein russischer Fernsehsender die Geschichte von der Vergewaltigung des Mädchens unter Berufung auf dessen Tante verbreitet. Sie passte zu einer Berichterstattung, die Flüchtlinge nur als Bedrohung sieht. Seit der Grenzöffnung wird Deutschland von russischen Medien als ein Land dargestellt, das kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Als Resonanzkörper der giftigen Töne nutzt Moskau auch die Spätaussiedler in Deutschland. Viele Russlanddeutsche vertrauen offenbar nur russischen Medien und werden so in ihrem eher statischen Gesellschaftsbild bestärkt. Mitglieder einer Gruppe, die bei ihrer Ankunft im neuen Land selbst Ausgrenzung erfahren hat, sind zudem oft empfänglich für die Behauptung, die neuen Flüchtlinge seien gerade für sie eine soziale oder kulturelle Bedrohung.

Beunruhigend ist der Schulterschluss der empörten Russlanddeutschen mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen, der auch bei Demonstrationen in Berlin zu beobachten war. Russland unterstützt in der EU schon lange rechtspopulistische Bewegungen, die Wladimir Putin für seine Attacken auf die Abkehr von „christlichen Werten“, für Homophobie und Xenophobie als Verbündete und Gegenmacht zum Westen feiern.

Ein Zeichen von Stärke ist Lawrows Attacke allerdings nicht. Sinkender Ölpreis und niedriger Rubelkurs gefährden den Lebensstandard der Russen und machen Moskau nervös. Die Abgrenzung von einem vermeintlich dekadenten Westen soll das System stabilisieren. Für den Umgang mit solcher Propaganda gilt: Gegen Desinformation hilft nicht Desinformation, sondern nur Aufklärung. Und das Vertrauen darauf, dass die Deutschen mehrheitlich mündig genug sind, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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