Überregionales : Kunst und Fehler

Herzlichen Glückwunsch, flüstert der Mittelsmann dem Bieter ins Telefon. Der hat in der Berliner Villa Grisebach gerade einen Kandinsky für 120 000 Euro ersteigert. Von solchen Glücksmomenten lebt der Markt. Und zur Zeit verkauft sich Kunst besser denn je. Das zieht aber auch Betrüger an

Werner van Bebber Nicola Kuhn
Die Villa Grisebach kann mit dieser Saison mal wieder zufrieden sein. Das Versteigerungshaus in Charlottenburg erzielte an vier Tagen insgesamt 21 Millionen Euro. Knapp 1300 Kunstwerke wechselten bei der Auktion die Besitzer.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Rückeis/Imago
18.12.2013 20:15Die Villa Grisebach kann mit dieser Saison mal wieder zufrieden sein. Das Versteigerungshaus in Charlottenburg erzielte an vier...

Ganz still sitzt sie da, ganz konzentriert. Ein samtener Reif bändigt das graue Haar, ein feines goldenes Jugendstil-Armband lässt auf gesicherte finanzielle Verhältnisse schließen. Ihre zarte Hand hält einen schwarzen Kugelschreiber. Seite um Seite blättert sie um in dem Auktionskatalog auf ihrem Schoß. Vorn heben Hände in weißen Stoffhandschuhen Bild um Bild in die Höhe: Lesser Ury, Liebermann, Schmidt-Rottluff, klassische Moderne, große Namen – was der Markt zu bieten hat.

„Dreihundertfünfzigtausend“ ruft der Auktionator mit dem weißen Wellenhaar für einen Liebermann-Garten auf.

„Vierhundertfünfzigtausend“, bloß Sekunden später.

„Fünfhunderttausend gerade noch rechtzeitig“, sagt er, dann macht das Hämmerchen in seiner Linken, eingeklemmt zwischen Zeige- und Mittelfinger, sein „Tock“ auf der Tischplatte.

So schnell kann man eine halbe Million Euro ausgeben. Das Geschäft mit der Kunst geht bestens. Seit Monaten werden die Wörter Kunst und Boom wieder gerne in direkter Verbindung verwendet. Das Angebot ist größer denn je, die Nachfrage – zumal nach sehr teuren Werken – hat mit den Finanzkrisen in Amerika und Europa zu tun. Die Kunst der Großmeister gilt als sicheres Investment. So war auch 2013 ein Jahr der Preisrekorde, etwa bei Christie’s in New York. Dort brachte ein Triptychon des britischen Malers Francis Bacon über 142 Millionen Dollar.

Der Fall Gurlitt brachte nochmals Bewegung für den aufgeregten Markt. Da gab es also – zumal mit Blick auf die klassische deutsche Moderne – ein neues, unerschlossenes Reservoir womöglich hochwertiger Bilder. Doch ging von der Gurlitt-Sammlung auch ein Warnsignal aus: Unbekannte Meisterwerke, Bilder, die in Werkverzeichnissen gar nicht vorkommen, aber trotzdem existieren, erinnerten auch an die Unsicherheit, die zum Kunstmarkt gehört.

Für die elegante Kunstliebhaberin ist heute nichts dabei. Sie trägt die Preise mit ihrem Stift Seite für Seite in ihren Katalog ein, doch sie bietet nicht mit.

Das Geschäft mit der Kunst, wie es an diesem Herbstnachmittag im Auktionshaus Villa Grisebach abläuft, hat zwei Geschwindigkeiten und zwei Effekte. Mal ist es, als setze mit der Nennung eines Künstlernamens so etwas wie ein Kaufrausch der noblen Art ein. Karl Schmidt-Rottluff, ein Bild vom Watt, beschleunigt von sechs- auf achthunderttausend, auf 1,1 Millionen, auf zwei, „zweikommadrei am Telefon“, wirft der Auktionator in den Saal der Kunstverliebten.

Aber es gibt auch den zweiten Effekt, er hat etwas fast Peinliches: Ansage des Künstlers, des Kunstwerktitels, der Summe und dann Schweigen. Nichts geht, der Auktionator mit der goldenen Krawatte zieht das Werk zurück, Hände in weißen Handschuhen entfernen das Objekt des Desinteresses rasch aus dem Blickfeld des Publikums.

Und doch spiegelt sich immer öfter Erleichterung in den ansonsten angespannten Gesichtern der sieben Mitarbeiterinnen am Telefon. Sie nehmen die externen Gebote entgegen und sind zu beiden Seiten von Auktionator Peter Graf zu Eltz platziert. Dann und wann huscht ein siegesgewisses Lächeln über ihre Lippen. Es läuft gut in der Hauptauktion der Villa Grisebach trotz empfindlicher Rückgänge. Applaus beim Überraschungserfolg für die schlanke Holzskulptur von Gerhard Marcks, die sich von geschätzten 80 000 auf unglaubliche 637 000 Euro hochschraubt.

Am Ende wird das Berliner Versteigerungshaus an vier Tagen knapp 1300 Kunstwerke für insgesamt 21 Millionen Euro umgesetzt haben.

Jeweils im Frühjahr und Herbst finden in der Gründerzeitvilla in der Charlottenburger Fasanenstraße die Versteigerungen statt, dann muss das Geld für das ganze Jahr verdient werden. Es hat wieder geklappt, sogar blendend. Vor ein paar Jahren hätte man das nicht gedacht. 2008 geriet mit der Finanzkrise auch so manche Unternehmenssammlung unter den Hammer, Galerien machten dicht, Museen mussten sich von Bildern trennen, um fortbestehen zu können. Dem klassischen Kunsthandel hat es weniger geschadet. Viele Sammler sahen für sich die Gelegenheit gekommen, günstig zu erwerben.

Gekämpft werden musste an der Fasanenstraßen immer schon. Sie gilt als Berlins feinste Adresse, wo sich Galerien und Dependancen von Auktionshäusern wie an einer Perlenkette aneinanderreihen, ist aber im Vergleich zu dem, was die Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg einmal war, ein kümmerlicher Rest. Die Nazis zwangen jüdische Kunsthändler zur Geschäftsaufgabe, 1938 wurde die Branche arisiert. 312 Mitglieder mussten den Berufsverband verlassen, emigrierten nach London und New York. Dort befinden sich noch heute die weltweit wichtigsten Galerien, die größten Auktionshäuser. Berlin hat sich nie mehr von diesem Schlag erholt. Würde es aber wohl gerne. Seit dem Mauerfall ist immer wieder von Goldgräberstimmung die Rede, wird der Vergleich mit den sogenannten Goldenen Zwanzigern gezogen.

Der Bremer Kunsthändler Wolfgang Werner winkt ab. Gleich 1991 eröffnete er eine Dependance in der Fasanenstraße, genau gegenüber der Villa Grisebach. Das Comeback der Roaring Twenties sei doch eher eine Idee der Ausländer, der Gäste aus New York und Paris, die in der Stadt das Abenteuer und aufregende Kunst suchen würden. Im Unterschied zu den heutigen Handelsmetropolen Brüssel und Paris, wo gerne großzügig eingekauft wird, reisen die Sammler vor allem nach Berlin, um Ateliers zu besuchen, Ausstellungen zu sehen. Eine Zweitwohnung an der Spree gehört bei denen, die es sich leisten können, mittlerweile zum guten Ton. Man trifft sich auf der Vernissage und später im Grill Royal. „Der Handel ist längst eine weltweite Angelegenheit geworden,“ sagt Wolfgang Werner. „Ansonsten wäre schließlich St. Moritz am allerbesten, weil da alle Reichen zusammenkommen.“

Berlin ist so ziemlich das Gegenteil von St. Moritz. Aber es profitiert von dieser Globalisierung. Auch die Villa Grisebach tut es. Die Kataloge werden ins Internet gestellt, die Interessenten müssen nicht mehr anreisen, um sich die Objekte anzuschauen. Allein für die Herbstauktion gab es 450 Anfragen für Zustandsberichte, erzählt Markus Krause, der für die Kunst des 20. Jahrhunderts zuständig ist. Darin wird haarklein aufgeführt, ob es Kratzer oder Knicke gibt, wie die Oberfläche einer Leinwand beschaffen ist.

Für die Auktion selbst müssen sich die Bieter aus Asien, den Vereinigten Staaten oder Südamerika auch nicht mehr in den Flieger, sondern nur noch ans Telefon setzen und ihrem Gewährsmann oder ihrer -frau im Saal entsprechende Instruktionen geben: Mitgehen! Aussteigen! Wenn es mit dem Zuschlag klappt, dann sieht man dieses feine Lächeln in den Gesichtern der eleganten Helfershelfer. „Herzlichen Glückwunsch“, flüstert Florian Illies – ansonsten zuständig für das 19. Jahrhundert bei Grisebach – noch schnell in seinen Apparat, nachdem er für einen Bieter am anderen Ende der Leitung ein Aquarell von Kandinsky für 120 000 Euro ersteigert hat. Ursprünglich war das kleine Blatt mit 60 000 Euro taxiert.

Von solchen Glücksmomenten lebt das Geschäft. Manchmal trübt es sich allerdings hinterher. Mit ursprünglich 2000 bis 3000 Euro angesetzt, verzehnfachte sich in der Frühjahrsauktion das Gebot für zwei Aquarelle der Berliner Malerin Lou Albert-Lasard. Eine der beiden Straßenszenen ging in die USA. Als daraufhin immer mehr Werke der expressionistischen Künstlerin im gleichen Format, mit den gleichen strahlenden Farben eingeliefert wurden, schöpften die Experten des Auktionshauses Verdacht. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Der amerikanische Käufer wurde erneut kontaktiert, das gerade erworbene Blatt zurückerbeten und dem Fachkommissariat für Kunstdelikte beim Landeskriminalamt überreicht, das über weitaus präzisere Untersuchungsmöglichkeiten als nur den Kennerblick verfügt.

Es stellte sich heraus: Das Werk war eine Fälschung. Das Erwachen war für das Auktionshaus noch böser, als sich herausstellte, dass der Nachlassverwalter selbst hinter den Fälschungen steckte. Eine besonders tragische Wendung nahm der Fall durch den Freitod des Mannes, nachdem er ein Geständnis abgelegt hatte. Da hatte Grisebach längst den Kauf rückabgewickelt, schließlich gehört neben Diskretion das Vertrauen zu den wichtigsten Bestandteilen des Geschäfts.

Doch das Gedächtnis scheint kurz zu sein. Das bayerische Auktionshaus Ketterer, das vis-à-vis von Grisebach eine Niederlassung besitzt und hier seine Waren vorführt, die anschließend in München versteigert werden, bietet ein Werk von Lou Albert-Lasard an: eine um 1920 entstandene Grafik mit einer „Montmartre“-Szene, für 600 bis 800 Euro als Einstiegspreis. Marie Brandt, die Repräsentantin von Ketterer in Berlin, erinnert sich noch gut, wie sie das Blatt von einem Anbieter in Grunewald abgeholt hat. Dazu zwei Aquarelle, die allerdings der gefälschten Serie entstammten. Die beiden Blätter kamen der gebürtigen Dänin gleich fragwürdig vor: zu frisch die Farben, zu geschmäcklerisch diese Mischung aus Josephine Baker und Kirchner. Das Münchner Stammhaus übergab die verdächtigen Bilder der Polizei.

Sie sind damit dem Warenkreislauf entzogen, nicht wenige lagern am Tempelhofer Damm. Gegenüber dem Flughafengebäude, in der vierten Etage des Landeskriminalamts, befindet sich die Abteilung 454 – „Kunstkriminalität“. René Allonge, ihr Leiter, öffnet mit drei Schlüsseln einen alarmgesicherten Raum – viel Aufwand für gefälschte Kunst. Auf zwölf Quadratmetern lagern und hängen Renaissance-Meister, die nicht wirklich alt aussehen, neben echten falschen Beltracchis.

Allonge hat mit seinen Kollegen die Ermittlungen geführt in diesem wohl spektakulärsten jüngeren Betrugsfall. Der Kunstmaler Wolfgang Beltracchi war im Oktober 2011 zu sechs Jahren Haft wegen Betrugs verurteilt worden. Er hatte viele Jahre lang Bilder der Maler Max Ernst, Max Pechstein und Heinrich Campendonk gefälscht und mit Vertrauten auf den Kunstmarkt gebracht.

Mit dem Beltracchi-Coup ist Allonge, ein großer Mann, der so gar nicht polizistenhaft-robust den Raum dominiert, selbst zu einer bekannten Persönlichkeit geworden. Was ihm offenkundig nichts bedeutet. Kunst, echte Kunst aber bedeutet ihm sehr wohl etwas.

Nach Jahren bei der Polizei, in denen er sich mit Autodiebstahl und Raub befasst hat und mit den Mustern kriminellen Denkens vertraut geworden ist, war Kunstkriminalität das Neue, das Andere für ihn, schon von der Klientel her, mit der er und seine acht Kollegen täglich zu tun haben. „Eindeutig ja“ sagt er auf die Frage, ob Kunstkriminalität im Vergleich zum Normalbetrieb im LKA die angenehmere Kriminalität sei.

Täter und Betrogene sind meist kultivierte, gebildete Menschen, die Fälschung von Kunst ist, so Allonge, eine „raffinierte Form des Betrugs“. Das klingt zunächst nach spannenden Rätseln, aber Allonge sagt damit auch indirekt etwas über den Antrieb der Ermittler. Jeder Fall sei anders, „wir lernen mit jedem Fall neu“.  Kunstfälschung ist auch Betrug am Betrachter, selbst wenn nicht jeder Betrachter den Betrug erkennt. Das beginnt bei den Motiven der Fälscher und endet bei technischen Untersuchungsmethoden und deren Entwicklung. Wer im Auktionshandel tätig ist, bekommt beinahe täglich Fälschungen angeboten, nur in die Versteigerung dürfen sie nicht gelangen.

Der Fall Beltracchi hat offenbart, dass eine gewaltige Dunkelziffer an vermeintlichen Originalen in Umlauf sein muss. Mit Bronzen zum Beispiel fährt Marie Brandt von der Berliner Dependance des Auktionshauses Ketterer immer zur Gießerei Noack nach Moabit raus, um sie bei den Machern überprüfen zu lassen. Dort reicht ein Blick, ein Kratzen an verborgener Stelle, schon wissen die Traditonshandwerker, ob die Skulptur aus ihrem Hause stammt.

Der Handel sei vorsichtiger geworden seit dem Fall Beltracchi, sagt Allonge. In den Auktionskatalogen falle auf, dass heute mehr Fotos veröffentlicht würden, um die Herkunft eines Bildes zu beweisen. Allerdings – den Hinweis kann sich der Ermittler nicht verkneifen – waren Allonge und seine Kollegen dem Fälscher Beltracchi auf die Spur gekommen, weil ihnen Unstimmigkeiten an Schwarz-Weiß-Fotos aufgefallen waren, die beweisen sollten, dass einige von Beltracchis Bildern im Besitz eines bekannten Sammlers gewesen waren.

Der größte Sprung bei den Herbstauktionen der Villa Grisebach von 80 000 auf 510 000 Euro kommt nicht zuletzt durch die perfekte Provenienz von Gerhard Marcks’ Holzskulptur zustande. Die Figur war ein Geschenk des Bildhauers an Lyonel Feininger im Jahr 1919, nachdem sich die beiden Künstler am Bauhaus Weimar kennengelernt hatten. Erst jetzt, fast 100 Jahre später, gelangt sie in den Kunsthandel. So lange befand sich das Werk im Besitz der Familie. Dass die Skulptur in Berlin einen neuen Besitzer findet, wird auch als besondere Wertschätzung Berlins als Handelsstandort quittiert. Der Auktionator ruft dem Telefonbieter zwar kein „I love you!“ zu wie sein Kollege nach dem Munch-Rekord in New York. Die Begeisterung ist ihm trotzdem anzusehen.

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