Korruption in Serbien : Weihnachtsbaum des Anstoßes

Thomas Roser

Wenn in Westeuropa die ersten Festtagsfichten aus den Wohnstuben fliegen, fängt im orthodoxen Serbien der Vorweihnachtstrubel erst richtig an. Und in Belgrads Fußgängerzone, der Fürst-Mihail-Straße, sorgt ausgerechnet der mit 18 Metern höchste Weihnachtsbaum für vorweihnachtlichen Unfrieden. Denn die Stadtväter ließen sich nicht lumpen: Umgerechnet 83 000 Euro blätterten sie für das Kunststoffgewächs auf den Tisch.

Selbst die zwei Meter höhere Naturtanne vor dem Rockefeller-Center in New York koste weniger als der wohl teuerste Baum Europas, rechnet das Antikorruptionsportal „pistaljka.rs“ den verblüfften Landsleuten vor. Der Baum sei nur die „Spitze eines Eisbergs der Korruption“, schreibt die Belgrader Zeitung „Blic“: „Er ist das Plastikbeispiel, wie und mit welchen Zielen die Gelder aus dem Stadtbudget entwendet werden.“

Tatsächlich erstaunt es, in welchem Ausmaß sich einer der ärmsten Balkanstaaten in der Kunst des Prassens übt: Bei durchschnittlichen Gehältern von knapp 400 Euro und Renten von weniger als 200 Euro sind es nicht nur die sündhaft teure Plastiktanne, sondern auch irrwitzig hohe Ausgaben für die Weihnachtsbeleuchtung und die Silvesterkonzerte, die die Vorfestfreuden in Belgrad überschatten.

Empörte Proteste verfehlten ihre Wirkung nicht. Er sei über den hohen Preis „überrascht“ und habe sofort die Aufkündigung des Vertrags veranlasst, versicherte Belgrads Skandalbürgermeister Sinisa Mali. Lieferant „Keep Light“ erklärte derweil den Baum des Anstoßes flugs zum „Geschenk“.

Tatsächlich sind die 83 000 Euro nur ein Klacks im Vergleich zu den Summen, die die Stadt ihren geschäftstüchtigen Lichtbringern zuzuschustern pflegt. Noch bevor in Belgrad die Fernwärme in die Wohnungen zu blubbern begann, gingen Ende September die von „Keep Light“ für die nächsten fünf Monate installierten Weihnachtslichter an. Seit 2014 hat Belgrad laut der Zeitung „Danas“ mehr als vier Millionen Euro für Festbeleuchtung verpulvert: Alle Ausschreibungen seien von „Keep Light“ gewonnen worden.

Nicht kleckern, sondern klotzen lautet angesichts nahender Kommunalwahlen die Devise der Rathausherren. Mit 800 000 Euro hat sich das Budget für die Silvesterkonzerte seit 2014 um das Zwanzigfache erhöht – das größte Honorar streicht ein mit dem Bürgermeister befreundeter Barde ein. Mit der Erwartung erhöhter Besucherzahlen begründet Bürgervater Mali die Politik der offenen Stadtschatullen: „Wir machen das, weil wir die Gelegenheit sehen, Geld zu verdienen.“ Thomas Roser

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